Gott, Atheismus, Agnostizismus

Sehr oft werde ich – seitdem ich das Christentum verlassen habe – für einen Atheisten gehalten. Bereits vor meinem Abfall, als mir die ersten Zweifel kamen, die ich nicht verbarg, wurde ich vor dem Atheismus gewarnt. So sagte mir ein älterer Christ, dass, wenn ich mich weiterhin kritisch mit der Bibel befasse, bald ein “A” auf der Stirn haben werde. Gemeint war natürlich “Atheismus”. Und so scheint es mir, dass es für Christen nur zwei Optionen gibt: Entweder man glaubt an den “wahren” Gott der Bibel, der als Jesus Christus auf die Welt kam, um für die Sünden der Menschen zu sterben, oder man verlässt das Christentum und wird zum Atheisten, der glaubt, dass es keinen Gott gebe. Doch so einfach ist es nicht. Wer bzw. was bin ich nun?

Gott, Atheismus, Agnostizismus

Bevor ich darlege, wie ich mich verorten würde, ist es wichtig zu klären, wie ich Gott, Atheismus und Agnostizismus definiere. Ich bin mir dessen bewusst, dass es verschiedene Auffassungen von diesen Begriffen gibt. So erklärt bereits Dawkins in seinem Buch “Der Gotteswahn”, dass er sich nicht hunderprozentig sicher ist, dass es keinen Gott gibt. Trotz seiner Zweifel bezeichnet er sich als Atheisten, also jemanden, der die Existenz eines Gottes negiert. Bart Ehrman ist hingegen der Auffassung, dass er erkenntnistheoretisch nicht wissen kann, ob es einen Schöpfer gibt. Nichtsdestotrotz glaubt er nicht an einen Gott oder Götter. Aufgrund dieser scharfen Trennung zwischen dem erkenntnistheoretischem Wissen und den eigenen Glaubensinhalten bezeichnet sich Ehrman als einen agnostischen Atheisten. Agnostisch, weil er nicht weiß, ob es einen Gott gibt und atheistisch, weil er glaubt, dass es keinen gebe. Ich möchte die beiden Begriffe klassisch und einfach definieren. Atheismus ist für mich der Glaube, dass es keinen Gott gibt. Agnostizismus definiere ich als ein “Weiß-ich-nicht”. Sowohl die Möglichkeit einer Existenz als auch einer Nicht-Existenz Gottes wird in Betracht gezogen, wodurch von einer Glaubensaussage, die Gott negiert oder bejaht, abgesehen wird. Letztendlich soll hier Gott bzw. Götter simpel als Schöpfer definiert werden, die die Welt, in der wir leben, erschaffen haben und in das Weltgeschehen eingreifen können.

Und ich?

Ja – ich negiere die Existenz vom Gott der Bibel aufgrund der Gründe, die u.a. auf diesem Blog aufgeführt werden. Jedoch negiere ich nicht per se die Existenz irgendeines Gottes oder Götter. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es einen Gott gibt. Jedoch maße ich mir nicht an, zu wissen, wie bzw. wer dieser Gott ist. Dieser Gott kann böse oder gut sein. Er kann diese Welt kreiert haben, um sich anschließend zurückzuziehen. Vielleicht sind wir auch nur Teil eines Experiments? Es ist auch möglich, dass sich dieser Gott nicht mehr für uns interessiert oder sich an unserem Leid ergötzt. Es ist allerdings auch möglich, dass es gar keinen Gott gibt. Ich weiß es nicht und aus diesem Grund bezeichne ich mich als Agnostiker: Ich bin mir relativ sicher, dass es den christlichen, jüdischen oder islamischen Gott nicht gibt, aber ich halte es für möglich, dass es irgendeinen Gott gibt, der unsere Welt erschaffen hat.

Gläubige

Aus diesem Grund finde ich, dass Menschen, die behaupten, dass sie wüssten, wer Gott ist, wie er ist und was er wolle, nicht ehrlich zu sich selbst und anderen sind. Wenn ein Christ sagt, dass er im Gebet oder beim Bibellesen mit Gott spricht, sagt er nichts anderes, als dass er einen Monolog hält. Denn antworten, wie in einem üblichen Dialog zwischen zwei Menschen, tut sein Gott nicht. Und, falls der Gläubige behauptet, dass er wortwörtlich die Stimme Gottes vernimmt, hat er wahrscheinlich psychische Probleme. Übrigens kann hier auch gefragt werden, warum Gott nur zu ihm spricht? Wieso spricht er nicht zu allen Menschen oder wenigstens auch zu mir? Ich würde gerne erfahren, wer er ist! Ferner sind Gefühle, wie die Präsenz des Heiligen Geistes, sehr subjektiv. So verspüren Menschen, die an völlig andere Götter glauben, ebenfalls besondere Gefühlsregungen. Das selbe gilt auch für Wunder, die ebenfalls höhst subjektiv sind: Glaubt man Gläubigen verschiedener Religionen, haben Allah, Jesus, JHW etc. großartige Wunder getan. Und während die Christen die Wunder Allahs verneinen, tun dies die Moslems in Bezug auf die Gottheit Jesu. Außerdem ist der Rückbezug auf ein “heiliges” Buch wie die Bibel, die höchst problematisch ist, nicht ausreichend, um sicher sagen zu können, was Gott will und was er sagt (vor allem, wenn sich Gott in der Bibel selbst widerspricht). Letztendlich halte ich es für hochnäsig, wenn Gläubige nach außen selbstbewusst behaupten, dass sie nicht nur wissen würden, wer Gott ist und wie er ist, sondern sogar zu wissen vermögen, was Gott sagt, wie er denkt und was er tun würde oder nicht.

Atheisten

Doch auch der Atheismus spricht mir nicht zu. Besonders, wenn behauptet wird, dass man wissen würde, dass es keinen Gott gibt. Woher soll man das wissen? Solchen Atheisten gebe ich zunächst recht: Wir sehen Gott nicht, wir hören ihn nicht und wir haben keine eindeutigen Beweise, dass es einen Gott geben würde. Nichtsdestotrotz bedeutet dies nicht, dass es sicher keinen Gott gibt. Wie oben erwähnt, kann es sein, dass dieser Schöpfer sich zurückgezogen hat. Selbst ein zurückgezogener Schöpfer, der die Welt, die er geschaffen hat, nicht mehr anrührt oder beachtet, ist ein Schöpfer bzw. Gott. Ferner denke ich, dass die Evolution und der Urknall keine tiefgehende Antwort auf den Ursprung unserer Welt liefern können. So wie Informatiker Programme schreiben können, die anschließend selbstständig arbeiten und sich bis zu einem gewissen Grad entwickeln können, kann auch Gott die Evolution gestartet haben. Es kann also immer weiter gefragt werden: Was war vor dem Urknall, wie kam dieser zustande und was der Ursprung bzw. Auslöser war?

Ich weiß es nicht!

Ein ehrliches “weiß ich nicht” erscheint mir richtig. Und so führe ich einen Lebensstil, der nicht auf irgendeinen Gott ausgerichtet ist. Wozu auch? Bis jetzt hat Gott – falls es ihn wirklich gibt – es nicht für nötig erachtet, sich zu offenbaren. Deswegen fühle ich mich nicht verpflichtet, mein Leben nach seinen Vorstellungen auszurichten und seine Gebote zu beachten. Dies kann ich auch gar nicht, da ich nicht weiß, was er von mir möchte und wer er ist. Nun könnte man einwenden, dass dieser Gott gesucht und gefunden werden will. Doch auch in diesem Fall sehe ich mich nicht gezwungen, diesen Gott zu suchen. Schließlich hätte er demnach mich und die Welt, in der ich lebe, erschaffen. Hierbei hat er sich eigentlich gar nicht offenbart. Und bei einer ehrlichen Suche muss – meiner Meinung nach – der Suchende zur Schlussfolgerung kommen, dass es zur Zeit unmöglich zu erfahren ist, ob es einen Gott gibt. Doch selbst, wenn man zur Schlussfolgerung kommt, dass es einen Gott geben muss, da so eine komplexe Welt wie die unsere nicht aus dem Nichts entstehen kann, muss man doch zugeben, dass man Gott immer noch nicht näher gekommen ist, weil man nichts über sein Wesen, seinen Charakter, seine Pläne oder seine Forderungen erfahren hat. Deswegen liegt mir der Agnostizismus: Er zwingt mich nicht zu einer Bekenntnis, gibt mir Raum zum Zweifeln und erlaubt mir,”ich weiß es nicht” zu sagen.

 

 

 

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