Ist Glaube gefährlich? – Was passiert, wenn man Jesus Christus mehr vertraut als Ärzten?

Ist Glaube gefährlich? Viele Christen würden diese Frage vehement verneinen und darauf hinweisen, dass sie als Christen friedlich leben sollen. Auch wenn es immer wieder radikale Christen gibt, die anderen Menschen Gewalt antun, würde ich dennoch zustimmen, dass die meisten Christen heutzutage friedliche Menschen sind, die zumindest auf physische Gewalt verzichten. Nichtsdestotrotz halte ich die Bibel und den christlichen Glauben für gefährlich. Warum ist das so? Ein gutes Beispiel liefert uns dieser Artikel, der über einen Gerichtsprozess berichtet, bei dem ein christliches Ehepaar zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde.

Eine kurze Zusammenfassung: Die Tochter des strenggläubigen Ehepaares, das ursprünglich aus Kasachstan und Usbekistan kommt und eine Freikirche in Österreich besucht, leidet an einer chronischen Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Das Ehepaar ist zunächst nach Deutschland gekommen und dann nach Österreich gezogen, um die Kinder Zuhause beschulen zu dürfen. Als die Tochter unter Schmerzen leidet, lassen sie die Tochter entscheiden, ob sie ins Krankenhaus möchte. Sie verneint, bleibt Zuhause und stirb in Agonie. Und die Eltern? Die Eltern scheinen die Entscheidung – obwohl der Vater vor Gericht zugibt, dass es falsch war – zunächst nicht zu bereuen: “Sind Sie überzeugt, dass Gott Kranke heilen kann?”, will die Staatsanwältin wissen. “Ja”, sagt der Angeklagte, darauf habe er “bis zuletzt” gehofft und vertraut, seine Frau formuliert es fast wortgleich. Bei der Aussage einer Ärztin, die einen Tag nach dem Tod mit den Eltern sprach, klingt das drastischer: “Entweder er (Gott) heilt sie oder nicht”, zitiert sie den Vater. “Ich habe das Gefühl gehabt, das war richtig so für sie.”

Wie konnte es zu so einer Tragödie überhaupt kommen? Ganz einfach: Die Eltern haben die Bibel und ihren Glauben viel zu ernst genommen. Oder in anderen Worten: Sie haben viel zu sehr auf Jesus vertraut. So heißt es im Artikel, dass das Kind bereits im Sommer 2017 ins Krankenhaus gebracht wurde. Waren die Eltern nicht gegen ein Eingreifen in Gottes Handeln? Das waren sie und deswegen wurde das Mädchen auf Drängen des Jugendamtes und gegen den Willen der Eltern ins Krankenhaus eingeliefert. Allerdings haben die Eltern nach dem Krankenhausaufenthalt keinen einzigen Arzttermin mehr wahrgenommen. Was daraufhin geschah und was die Motive der Eltern waren, ihrem Kind die ärztliche Behandlung zu verweigern, schildern die folgenden beiden Absätze sehr gut:

“Es ist eine der entscheidenden Fragen der Richterin: Sie will wissen, ob aus der Sicht des Angeklagten die Menschen nicht in die Natur, in Gottes Pläne, eingreifen dürfen. Der 39 Jahre alte Mann vor ihr überlegt lange. Er ist in Österreich angeklagt – wegen Mordes durch Unterlassung an seiner eigenen Tochter, die unter schweren Schmerzen mit 13 Jahren starb. Der Angeklagte ist streng gläubig, Mitglied einer Freikirche, er bezeichnet sich als Missionar und Prediger.

Seine chronisch kranke Tochter brachte er auch am 17. September 2019, ihrem Todestag, nicht in ein Krankenhaus. Stattdessen betete und fastete er – und wartete auf eine wundersame Heilung. Vor Gericht machte er deutlich, dass er sich wegen seines Glaubens streng zur Wahrheit verpflichtet fühlt. Dann beantwortet er die Frage der Richterin: “Ja.” Er habe bis zum Schluss auf Gott vertraut.”

Warum hat das Ehepaar sein Kind nicht in die Hände von qualifizierten Ärzten übergeben wollen? Weil ihr Glaube und Vertrauen an bzw. in Gott größer war. Sie hielten dementsprechend an das fest, was sie in der Bibel gelesen haben. Wahrscheinlich waren es Verse wie diese, die dazu führten, dass die Eltern ihrem Kind jegliche medizinische Hilfe versagten:

  • “Darum sage ich euch: Alles, was ihr betet und bittet, glaubt nur, dass ihr’s empfangt, so wird’s euch zuteilwerden.” – Markus 11,24
  • “Und alles, was ihr bittet im Gebet: so ihr glaubt, werdet ihr’s empfangen.” – Matthäus 21,22
  • “Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.” – Hebräer 4,16.
  • “Und wenn wir wissen, dass er uns hört, worum wir auch bitten, so wissen wir, dass wir erhalten, was wir von ihm erbeten haben.” – 1. Johannes 5,15
  • “Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, auf dass der Vater verherrlicht werde im Sohn.” – Johannes 14,13
  • Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.” – Jakobus 5,14-15
  • “Er aber sprach zu ihnen: Wegen eures Kleinglaubens. Denn wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein.” – Matthäus 17,20-21
  • Da nun Jesus eine Volksmenge herbeilaufen sah, befahl er dem unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre aus von ihm und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und zerrte ihn heftig und fuhr aus; und er wurde wie tot, sodass viele sagten: Er ist tot! Aber Jesus ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf; und er stand auf. Und als er in ein Haus getreten war, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? Und er sprach zu ihnen: Diese Art kann durch nichts ausfahren außer durch Gebet und Fasten.” – Markus 9, 25-29
  • “Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater. Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, auf dass der Vater verherrlicht werde im Sohn. Was ihr mich bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.” Johannes 14,12-14

Warum hat Gott sein Wort nicht gehalten? Warum hat er das Mädchen nicht geheilt? Die Eltern scheinen doch wahre Gläubige zu sein und wollten Gott in seinem Handeln nicht zuvorkommen. Es scheint, dass die Eltern nun – nachdem ihre Tochter tot ist – der Meinung sind, dass Gott sich gegen eine Heilung entschieden hat: “Bei der Aussage einer Ärztin, die einen Tag nach dem Tod mit den Eltern sprach, klingt das drastischer: “Entweder er (Gott) heilt sie oder nicht”, zitiert sie den Vater. “Ich habe das Gefühl gehabt, das war richtig so für sie.” Natürlich kann es stimmen, dass Gott sich letztendlich dagegen entschieden hat, das kleine Mädchen zu heilen. Hier erscheint es mir aber befremdlich, dass Gott in der Bibel – und solche freikirchlichen Fundamentalisten wie die beiden Eltern sehen die Bibel als Gottes Wort an – versprechen abgibt, aus denen deutlich hervorgeht, dass die Gebete der Gläubigen erhört werden. Ist Gott nicht vertrauenswürdig oder gar ein Lügner, wenn Gebete – vor allem dringende Gebete – von diesem nicht erhört bzw. erfüllt werden?

Außerdem hat der Vater gesagt, dass der Tod für das Kind vielleicht besser war. Vielleicht hat er hiermit recht? Schließlich ist es doch der allwissende und allmächtige Gott, der über das Schicksal des Mädchens entschieden hat. Doch auch hier stellen sich mir Fragen. Warum war es für das Mädchen besser zu sterben? Wäre sie vielleicht später einmal vom Glauben abgefallen? Warum fallen dann so viele andere Kinder, die christlich erzogen worden sind und an Jesus glauben, im Erwachsenenalter vom Glauben ab? Wäre es nicht besser, wenn Gott sie alle im Kindesalter töten würde, damit sie der ewigen Hölle entgehen können?

In Anbetracht der oben zitierten Bibelverse und des willkürlichen Handelns Gottes ist es vielleicht nötig den eigenen Glauben zu hinterfragen. Ist es wahrscheinlicher, dass Gott – trotz seiner Versprechen – sich dagegen entschieden hat, das Mädchen zu heilen oder dass es vielleicht diesen christlichen Gott, an dem man so fest geglaubt hat, gar nicht gibt? Warum ist Gottes Handeln so willkürlich, sodass bei vielen Menschen der Eindruck entsteht, dass das Leben massivst vom Zufall bestimmt wird und warum diese ganzen Versprechen in der Bibel, wenn die Gebete letztendlich oft keine Wirkung haben?

Mit Sicherheit kann jedoch festgehalten werden, dass die Bibel das Leben vieler Menschen bestimmt und ihren Glauben bildet. Und gerade dieser unerschütterliche, unhinterfragte, naive, radikale und fundamentalistische Glaube an Jesus Christus und seine schriftliche Offenbarung haben das Mädchen getötet. Denn eben dieser Glaube führte dazu, dass die Eltern ihren Menschenverstand ausschalteten und das Kind in Vertrauen auf einen Gott, den sie nie sahen und mit dem sie nie sprachen, sondern von dem sie nur in der Bibel lasen und von dem sie in ihrer Freikirche hörten, sich selbst überließen, obwohl es in Menschenhänden viel besser aufgehoben gewesen wäre: “Ein Kinderarzt erklärte vor Gericht, dass das Mädchen mit einer Infusionstherapie und mit Insulin hätte gerettet werden können – auch noch kurz vor dem Tod. Die 13-Jährige hätte demnach zwar nicht völlig von der Bauchspeicheldrüsenentzündung geheilt werden können, aber die Erkrankung sei sehr gut behandelbar. “Kinder können damit gut überleben”, sagte der Arzt.” 

An dieser Stelle kann man einwenden, dass die Eltern dem Mädchen die freie Entscheidung überlassen haben, ob sie ins Krankenhaus möchte oder nicht. Doch wie frei war diese Entscheidung eigentlich? Das Mädchen ist in einem strenggläubigen Haushalt aufgewachsen und war deswegen wahrscheinlich selber gläubig. Sie hat auf das vertraut, was ihre Eltern ihr erzählten. Schließlich war sie gerade einmal 13 Jahre alt. Wahrscheinlich war sie wie ihre Eltern davon überzeugt, dass Gott sie – wie er es in der Bibel verspricht – heilen wird. Das Kind wusste es nicht besser und so war das Handeln der Eltern, die ihr die Entscheidung überließen und auf Gott vertrauten, im höhsten Maße unverantwortlich.

Ja, Glaube kann gefährlich werden – gefährlich für einen selbst und für die Mitmenschen. In diesem Fall führte dieser Glaube zum Tod eines Kindes, das hätte gerettet werden können. Nein, die fundamentalistisch-christlichen Eltern griffen ihr Kind nicht physisch an. Und trotzdem war der Glaube der Eltern so gefährlich, dass die Tochter für den Glauben ihrer Eltern mit dem Tod bezahlte.

 

 

 

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