Prophetie: Jesaja und die Jungfrauengeburt von Jesus (Jesaja 7,14 vs. Matthäus 1,22-23)

Wenn ein Mensch von einer Jungfrau geboren wird, sollte davon ausgegangen werden, dass es ein besonderer Mensch ist. Noch spannender wird es, wenn die Jungfrauengeburt Jahrhunderte vorher prophezeit wurde. Dies ist laut Matthäus 1,22-23 der Fall: Dies alles geschah aber, damit erfüllt würde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten, der spricht: Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen’, was übersetzt ist: Gott mit uns.”

In Matthäus 1 wird die wundersame Jungfrauengeburt Jesu geschildert, wobei aus Jesaja 7,14 zitiert wird, um hervorzuheben, dass die Geburt Jesu Jahrhunderte vorher prophezeit wurde. Nichtsdestotrotz sind die Juden diesbezüglich sehr skeptisch. Sie beteuern, dass es in Jesaja 7,14 gar nicht um den Messias geht. Mehr noch: Dort sei gar nicht von einer Jungfrau die Rede. Was sind die Gründe für diesen Skeptizismus? Wird die Jungfrauengeburt wirklich im Alten Testament prophezeit oder ist im Alten Testament nichts dergleichen zu finden?

Kontext

Bevor mit der eigentlichen Analyse begonnen werden kann, ist es gerade bei dieser Passage sehr wichtig, den Kontext zu verstehen, in den sie eingebettet ist. Im 7. Kapitel des Jesajabuches ist Israel bereits in zwei Reiche geteilt: In das Nordreich Israel und in das Südreich Juda. Zu Beginn des Kapitels erfahren wir, dass Juda von Israel, das unter der Führung von Pekach steht und Aram, das vom König Rezin angeführt wird, angegriffen wird. Ahas, der König von Juda, verfällt in Angst, denn das kleine Juda kann gegen zwei Armeen nicht standhalten. Der Prophet Jesaja bekommt von Gott den Auftrag Ahas aufzusuchen und diesem zu sagen, dass er keine Angst haben solle, denn Gott wird nicht zulassen, dass Israel und Aram Juda einnehmen. Allerdings solle Ahas von Gott ein Zeichen fordern. Ahas lehnt ab und so spricht Gott die im Matthäusevangelium zitierte Passage aus: “Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen.” (Jesaja 7,14) Abschließend prophezeit Gott, dass Juda dennoch schlimme Zeiten erwarten, in denen das Land vom Königreich Assur, das Gott herbeibringt, überrannt wird.

Alma

Das hebräische Wort, das in christlichen Bibeln wie der Elberfelder oder der Schlachter als Jungfrau übersetzt wurde, lautet “alma”. Für die Juden ist die Bedeutung dieses Wortes sehr klar. Unter “alma” verstehen sie ein junges Mädchen. Dabei liegt der Fokus auf ihrem Alter und nicht auf ihren sexuellen Werdegang bzw. der Frage, ob sie bereits Sex hatte. Hierin liegt der Unterschied zwischen dem christlichen Verständnis, das “alma” als eine Jungfrau darstellt, die noch nie Sex hatte und dem jüdischen Verständnis, das das Alter hervorhebt. Und so steht in der jüdischen Bibel – der Tanach – nicht wie in den meisten christlichen Bibeln “Jungfrau”, sondern “junges Weib”oder auf Englisch “young Woman”.

Hierfür haben die jüdischen Übersetzer gute Gründe. Das männliche Pendant zu “alma” ist “elem”, kommt im Alten Testament zwei Mal vor und wird in den christlichen Bibeln immer als “junger Mann” übersetzt (1. Samuel 17,56 und 20,22). Ferner wird “alma” selbst in den christlichen Bibeln nicht immer als “Jungfrau” übersetzt. So z.B. in Sprüche 30,18-20. Dort heißt es, dass eine ehebrecherische Frau – wie auch ein Schiff auf dem Meer, ein Adler im Himmel oder eine Schlange auf dem Felsen – keine Spuren hinterlässt. “Alma” wird in Vers 19 als “Mädchen” übersetzt. Warum kann das Mädchen keine Jungfrau sein? Weil in Vers 20 geschrieben steht, dass so (gemeint ist hier der Weg eines Mannes mit einem Mädchen aus Vers 18-19) der Weg einer ehebrecherischen Frau sei –  sie wische sich den Mund ab und sagt, dass sie nichts Unrechtes getan habe (Sprüche 30,20). Das Abwischen des Mundes symbolisiert die Vertuschung des Ehebruchs. Eine Frau, die Ehebruch begangen hat, kann dementsprechend keine Jungfrau sein.

Nun stellt sich die Frage, welches Wort im Hebräischen die Bedeutung von “Jungfrau” hat, wenn “alma” lediglich “junge Frau” bzw. “Mädchen” bedeutet? Dieses Wort wäre “betulah”. Das Wort “betulah” kommt in Jesaja fünf Mal vor und wird in christlichen Bibeln jedes Mal als “Jungfrau” übersetzt (Jesaja 23,4; 23,12; 37,22; 47,1; 62,5). Warum übersetzen die christlichen Bibeln “betulah” jedes Mal als “Jungfrau”, wenn doch “alma” angeblich das Wort für “Jungfrau” sein soll? Mehr noch: Warum wird “alma” ausgerechnet in Jesaja 7,14 als “Jungfrau” übersetzt, aber in anderen Passagen als “Mädchen”? Und letztendlich: Warum wird “alma” als “Jungfrau” übersetzt, wenn das männliche Pendant “elem” als “junger Mann” übersetzt wird und in keinster Weise die Bedeutung von “Jungfrau” trägt?

Da ich Hebräisch nicht gelernt habe, möchte ich nicht tiefer in dieses Thema einsteigen. Aus diesem Grund lasse ich die obigen Fragen offen. Bei weiterem Interesse überlasse ich es dir – dem Leser – tiefer in die Diskussion um die richtige Übersetzung von “alma” einzutauchen. Um das Rätsel um Jesaja 7,14 zu lösen, bedarf es nicht einer komplexen und akademischen Auseinandersetzung mit dem Hebräischen. Es reicht aus, Jesaja 7 und 8 durchzulesen und Jesaja 7,14 in den oben geschilderten Gesamtkontext einzuordnen.

Haus Davids

Ein sehr gängiges christliches Argument, das darauf abzielt, Jesaja 7,14 aus dem Kontext zu reißen und als eine besondere Prophetie auf Jesus darzustellen, betont den Adressaten dieser sogenannten Prophetie. So heißt es in Jesaja 7,13:  Da sprach er: Hört doch, Haus David! Ist es euch zu wenig, Menschen zu ermüden, dass ihr auch meinen Gott ermüdet?” Der Adressat der folgenden Ankündigung ist das Haus Davids. Hieraus schließen Christen, dass es eine besondere Prophetie sein müsse, weil Gott nicht Ahas – wie er das unmittelbar zuvor getan hat (Jesaja 7,10) – anspricht, sondern das Haus Davids. Somit würde Gott auch zum zukünftigen Haus Davids sprechen und ankündigen, dass ein Retter namens Immanuel kommen würde, der das Haus bewahrt.

Bei genauer Betrachtung des ganzen Kapitels wird ersichtlich, dass dieses Argument nicht haltbar ist. So wird bereits in Jesaja 7,2 vom Haus Davids gesprochen: “Als nun dem Haus David gemeldet wurde: Aram hat sich auf dem Gebiet von Ephraim niedergelassen, da bebte sein Herz und das Herz seines Volkes, wie die Bäume des Waldes vor dem Wind beben.” Hiermit ist eindeutig nicht das zukünftige Haus Davids gemeint, sondern das Haus Davids, das zu der Zeit bestand, als Juda von Rezin und Pekach bzw. von Aram und Israel angegriffen wurde. Die Anrede “Haus Davids” aus Jesaja 7,13 scheint also nichts Besonderes zu sein.

Nichtsdestotrotz lohnt es sich, die Frage zu stellen, warum Gott in Jesaja 7,13 vom Haus Davids spricht. Schließlich könnte er – wie er es in Vers 10 getan hat – Ahas persönlich ansprechen. Die Antwort findet sich in Jesaja 7,5-6: “[…] Weil Aram Böses gegen dich beschlossen hat ebenso wie Ephraim und der Sohn des Remalja, indem sie sagen: Lasst uns gegen Juda hinaufziehen und ihm Grauen einjagen und es für uns erobern und dort den Sohn des Tabeal zum König machen!’, […]” Aus dieser Passage geht deutlich hervor, dass das ganze Haus Davids in Gefahr war. So hat Gott in Samuel 7,12-16 David versprochen, dass er das Königtum vom davidischen Geschlecht auf ewig festigen möchte. Da Pekach und Rezin sich zum Ziel gesetzt haben, König Ahas zu stürzen und – wie wir aus Jesaja 7,5-6 erfahren haben – Tabeal zum König zu machen, war das ganze Haus Davids in Gefahr, denn der rechtmäßige Nachfolger aus dem Geschlecht Davids sollte vom Thron abgesetzt werden. Aus diesem Grund spricht Gott im 13. Vers das ganze Haus Davids an und möchte nicht auf Jesus hindeuten, sondern auf die missliche Lage, in der sich das gesamte Haus Davids befand, als es von Rezin und Pekach angegriffen wurde.

Die Erfüllung dieser Verheißung

Wenn Jesus nicht der Immanuel aus Jesaja 7,14 sein soll, wer ist es dann? Um diese Frage zu beantworten, muss man lediglich das folgende Kapitel lesen: Jesajas Frau gebärt einen Sohn, der auf Befehl Gottes von Jesaja den Namen “Schnell-Raub Eile -Beute” (Jesaja 8,3) bekommt. Auf den ersten Blick scheint es, dass im achten Kapitel von einem anderen Kind die Rede ist. So heißt der Junge aus dem siebten Kapitel “Immanuel”, während der aus dem achten den komischen Namen “Schnell-Raub Eile-Beute” trägt. Jedoch sollte bei genauem Hinsehen deutlich werden, dass es sich im achten Kapitel um den Jungen aus Jesaja 7,14 handelt.

Um herauszubekommen, wer der geheimnisvolle Immanuel aus Jesaja 7,14 ist, müssen das siebte und das achte Kapitel verglichen werden. So ist es auffällig, dass in beiden Kapiteln Damaskus und Samaria erwähnt werden. Damaskus und Samaria stehen für Aram und Israel, die von den Königen Rezin und Pekach regiert werden. Dies waren die beiden Feinde, die in Jesaja 7 gegen Juda in den Krieg zogen, um den amtierenden judäischen König Ahas abzusetzen. In Jesaja 7 erfahren wir, dass die Feinde Judas vertrieben sein werden, sobald Immanuel ein gewisses Alter erreicht hat. Dasselbe erfahren wir im achten Kapitel über “Schnell-Raub Eile-Beute”. Diese Gemeinsamkeit soll in der folgenden Tabelle verdeutlicht werden:

Jesaja 7,15-16Jesaja 8,4
Denn ehe der Junge weiß, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen, wird das Land verlassen sein, vor dessen beiden Königen dir graut. Denn ehe der Knabe rufen kann: Lieber Vater! Liebe Mutter!, wird man den Reichtum von Damaskus und die Beute aus Samaria vor den König von Assyrien tragen.

Ferner spricht Gott direkt nach der Immanuel-Verheißung in Jesaja 7 ein Gericht über Juda aus, indem er prophezeit, dass, obwohl Juda vor den beiden feindlichen Armeen gerettet wird, es trotzdem schlimme Tage zu erwarten hat, weil es von Assur überrannt und geplündert wird (Jesaja 7,17-20). Die selbe Gerichtsankündigung finden wir in Jesaja 8. Und – genauso wie in Jesaja 7 – folgt sie direkt auf die Verheißung des Sohnes, der in Jesaja 8 “Schnell-Raub Eile-Beute” heißt. Auch diese Parallele lässt sich gut in einer Tabelle verdeutlichen:

Jesaja 7,17-20Jesaja 8,5-8
Der HERR wird über dich, über dein Volk und über das Haus deines Vaters Tage kommen lassen, wie sie nicht gekommen sind seit dem Tag, an dem Ephraim sich von Juda getrennt hat: den König von Assur. Und es wird geschehen an jenem Tag, da wird der HERR die Fliege, die am Ende der Ströme Ägyptens, und die Biene, die im Land Assur ist, herbeipfeifen. Dann werden sie kommen und sich alle niederlassen in den Tälern der Schluchten und in den Spalten der Felsen, in allen Dornsträuchern und an allen Tränkplätzen. An jenem Tag wird der Herr durch das Schermesser, das auf der anderen Seite des Stromes angeheuert wurde, nämlich durch den König von Assur, das Haupt scheren und das Haar der Beine, ja, auch den Bart wird es wegnehmen.Und der HERR fuhr fort, weiter zu mir zu reden: Weil dieses Volk das Wasser von Siloah verworfen, das still dahinfließt, und Freude hat an Rezin und dem Sohn des Remalja: darum, siehe, lässt der Herr das mächtige und große Wasser des Stromes über sie heraufsteigen - den König von Assur und all seine Herrlichkeit. Er wird heraufsteigen über all seine Betten und über all seine Ufer gehen. Und er wird über Juda dahinfahren, alles überschwemmen und überfluten; bis an den Hals wird er reichen. Und die Spanne seiner Flügel wird die Weite deines Landes füllen, Immanuel!

Außerdem wird im achten Kapitel der Grund für das Gericht über Juda genannt. So lesen wir im siebten Kapitel lediglich, dass Gott Assur dazu bringen wird, Juda anzugreifen und zu plündern. Erst im folgenden Kapitel erfahren wir die Beweggründe Gottes: Und der HERR fuhr fort, weiter zu mir zu reden: Weil dieses Volk das Wasser von Siloah verworfen, das still dahinfließt, und Freude hat an Rezin und dem Sohn des Remalja: darum, siehe, lässt der Herr das mächtige und große Wasser des Stromes über sie heraufsteigen – den König von Assur und all seine Herrlichkeit. Er wird heraufsteigen über all seine Betten und über all seine Ufer gehen.” (Jesaja 8,5-6) Anscheinend war das Volk in Juda den beiden Königen, die den amtierenden König absetzen und dem Haus Davids ein Ende bereiten wollten, nicht abgeneigt. Dies erzürnte Gott so sehr, dass er das gesamte judäische Volk durch die Assuren bestrafen will. 

Nun stellt sich die Frage, warum Immanuel im achten Kapitel den Namen “Schnell-Raub Eile-Beute” trägt? Dabei darf ein wichtigstes Detail nicht übersehen werden. In Jesaja 7 ist es die Mutter, die ihren Sohn Immanuel nennen soll. Im achten Kapitel bekommt nicht die Mutter, sondern der Vater von Gott den Befehl seinen Sohn “Schnell-Raub Eile-Beute” zu nennen. Der Junge bekommt also von den zwei Elternteilen jeweils einen Namen. Warum ist das so? Die Namen in der Bibel sind immer symbolisch und tragen eine tiefere Bedeutung. Immanuel bedeutet “Gott mit uns”. Dies soll dem Haus Davids zeigen, dass Gott ihn im Kampf gegen die beiden feindlichen Könige unterstützen wird. Der Name “Schnell-Raub Eile-Beute” symbolisiert den Sieg über die beiden feindlichen Armeen durch den König von Assur, der letztendlich Aram und Israel plündern wird: “Denn ehe der Junge zu rufen versteht: “Mein Vater!” und: “Meine Mutter!”, wird man den Reichtum von Damaskus und die Beute von Samaria vor dem König von Assur hertragen.” (Jesaja 8,4) Die beiden verschiedenen Namen des Jungen stehen für zwei verschiedene Verheißungen Gottes: 1) Gott wird dem Haus Davids im Kampf gegen Rezin und Pekach beistehen und 2) Gott wird die Königreiche Rezins und Pekachs von Assur überrennen und plündern lassen.

Letztendlich wird ersichtlich, dass das siebte und achte Kapitel aufeinander aufbauen und nicht getrennt voneinander betrachtet werden dürfen. So wird der Grund für das Gericht über Juda, das bereits im siebten Kapitel angekündigt wird, im achten Kapitel dargelegt. Außerdem wird der verheißene Immanuel im achten Kapitel geboren.

Die Prophetie im Matthäusevangelium

Nachdem wir uns eingehend ausschließlich mit der Passage in Jesaja beschäftigt haben, sollten wir uns mit dem Matthäusevangelium beschäftigen, in dem Jesaja 7,14 direkt zitiert wird. Auch hier springt ein wichtiges Detail ins Auge, das einen gravierenden Unterschied zwischen der Passage in Jesaja und in Matthäus offenbart. In Jesaja wird ausdrücklich erwähnt, dass die Mutter ihr Kind Immanuel nennt. In Matthäus hat der Autor die Passage falsch zitiert, sodass es nicht mehr die Mutter ist, die ihr Kind Immanuel nennt, sondern das Volk. Der Grund für diese Änderung scheint auf der Hand zu liegen: Maria nannte ihr Kind Jesus und nicht Immanuel. Die Frau, die ihr Kind Immanuel nannte, war schon lange tot, als das Evangelium verfasst wurde. Aus diesem Grund entschied sich der Autor die Passage aus Jesaja zu verfälschen. Doch auch seine Fälschung ist problematisch. Außer der im Evangelium zitierten Passage aus Jesaja 7,14, wurde Jesus im Neuen Testament kein einziges Mal Immanuel genannt. Und das, obwohl der Name von immenser Bedeutung ist. In der folgenden Tabelle werden die beiden Passagen gegenübergestellt, wodurch deutlich wird, wie die Passage in Matthäus abgeändert wurde:

Jesaja 7,14
Matthäus 1,23
Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen.Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen, [...]

Jesaja 7,14 und die historischen Gegebenheiten zur Zeit von Jesus

Christen isolieren gerne Jesaja 7,13-14 und heben hervor, dass dieser Abschnitt, der – wie bereits geschrieben – an das Haus Davids gerichtet ist, für sich alleine steht. Sie reißen diese Passage aus dem Gesamtkontext des siebten Kapitels heraus. Dies ist nicht verwunderlich, denn die Verse 15 und 16 lassen sich nicht ohne Weiteres in den historischen Kontext des Neuen Testaments übertragen. So heißt es in Jesaja 7,16, dass bevor Immanuel ein gewisses Alter erreicht hat, die Feinde Judas geschlagen und vertrieben sein werden. Von welchen zwei Feinden wurde Juda zur Zeit von Jesus angegriffen? Von gar keinen, denn in dieser Zeit war Juda – genauso wie das Nordreich Israel – von Rom besetzt. Doch die Verse 15 und 16 lassen sich nicht von den Versen 13 und 14 abkoppeln. Das “er” im 15. Vers bezieht sich auf “Immanuel” aus dem vorangehenden 14. Vers. Und “der Junge” aus dem 16. Vers ist offensichtlich “Immanuel” aus dem 14. Vers: Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen. Rahm und Honig wird er essen, bis er weiß, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. Denn ehe der Junge weiß, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen, wird das Land verlassen sein, vor dessen beiden Königen dir graut.” (Jesaja 7,13-16) 

Fazit

Es gibt im Alten Testament keine Jungfrauenprophetie. Jesaja 7,14 passt wunderbar in den Gesamtkontext des siebten Jesajakapitels und findet im achten Kapitel seine Erfüllung. Ferner hat der Autor von Matthäus die Passage aus Jesaja falsch zitiert und es gibt schwerwiegende Gründe anzunehmen, dass er den Abschnitt bewusst verfälscht hat, um ihn seiner Agenda anzupassen. Letztendlich werden in Jesaja 7 weder Jesus noch der Messias erwähnt und diese vermeintliche Prophetie lässt sich auch nicht auf die historischen Gegebenheiten zur Zeit von Jesus übertragen. Vielmehr verfolgt der Autor von Matthäus das Ziel, seine Leser davon zu überzeugen, dass Jesus der verheißene Messias ist. Jesaja 7,14 scheint für den Autor lediglich ein Mittel zum Zweck zu sein. Aus diesem Grund wird Jesaja 7,14 aus dem Kontext gerissen und im Neuen Testament falsch zitiert.

 

2 Gedanken zu „Prophetie: Jesaja und die Jungfrauengeburt von Jesus (Jesaja 7,14 vs. Matthäus 1,22-23)“

  1. Hallo Graf Monte Christo,

    ich bin heute wieder ein bisschen in Deinem Blog herumgesurft.

    Bei der Lektüre stellt sich mir immer wieder die Frage: Warum macht er sich all diese Mühe, scheinbare Ungereimtheiten und Widersprüche in der Bibel aufzudecken?

    Mein Eindruck ist dieser: Du schreibst letztlich für Dich selbst. Du versuchst Dich selbst immer wieder darin zu versichern, dass die Bibel voller Widersprüche und Fehlern steckt.

    Dahinter – so kommt es bei mir an – verbirgt sich eine innere Unruhe. Scheinbar hast Du mit Deiner christlichen Vergangenheit abgeschlossen. Aber das ist nicht wirklich so. Du kannst von dem Thema Gott – Bibel – Jesus – Sinn des Lebens nicht lassen. Es beschäftigt Dich innerlich intensiv.

    Hinter Deiner inneren Unruhe wird für mich eine tief verschlossene Sehnsucht nach Gott spürbar. Deine Bibel-kritischen Beiträge dienen (auch) dazu, diese Sehnsucht verschlossen zu halten. Das heißt: Dein Kampf mit der Bibel dient letztlich dazu, den Beton-Deckel auf Deiner Sehnsucht nach Gott mit aller Kraft geschlossen zu halten.

    Die Sehnsucht nach Gott in Dir wird aber bleiben.
    Sie wird weiter in Dir rumoren.
    Sie weiter niederzuhalten, wird Dich auch in Zukunft viel Kraft kosten.
    An ein Ende wirst Du – aller Wahrscheinlichkeit nach – dabei nicht kommen.
    Ich vermute, dass Deine verschlossene Sehnsucht nach Gott eine Wirkung des Heiligen Geistes ist, der nach wie vor in Dir wohnt, auch wenn Du mit ihm im Streit liegst.

    Mein Vorschlag: Arbeite Deine Enttäuschungen, die Du mit Christen bzw. mit Gott erlebt hast, auf.

    Konkret: Sprich mit Jesus über Deine (wahrscheinlich traumatischen) Erfahrungen. Mute Dich ihm mit dem ganzen Gewicht Deines Lebens zu und warte auf dass, was er dann tun wird.
    Ein Seelsorger, der Dich dabei begleitet und unterstützt, wäre eine Hilfe.
    Sonst wird Deine innere Zerrissenheit bleiben und langsam in tiefere Schichten Deiner Person vordringen.

    Ich bin gern bereit, mich zusammen mit Dir den schweren Erfahrungen Deiner Vergangenheit zu stellen. Ich spüre Deine innere Not und den tiefen Schmerz, der in Dir steckt.

    Sei herzlich gegrüßt von Rudolf aus Hannover.

    Antworten
    • Hallo Rudolf,

      vielen Dank, dass du diesen Blog liest und dir sogar über diesen Blog Gedanken machst.

      Jedoch finde ich deinen Beitrag voreilig und beleidigend. Man sollte nicht jemandem, den man nicht kennt, vorwerfen irgendwelche psychischen Probleme oder traumatischen Erfahrungen zu haben. Vor allem sollte man nicht leichtfertig und ohne stichhaltiges Wissen Menschen empfehlen, zu einem Seelsorger zu gehen.

      Als ich dein Kommentar gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum dich mein Blog so sehr beschäftigt? Nun möchte ich eine kleine und simple Psychoanalyse machen. Ich glaube, dass du dich persönlich angegriffen fühlst, weil ich deine “heilige” Bibel und somit deinen Gott, der der Mittelpunkt deines Lebens ist, angreife und kritisiere. Du fühlst dich davon bedroht. Schließlich hämmer ich auf dein Weltbild ein, das dir so wertvoll ist.

      Natürlich schreibe ich diesen Blog u.a. für mich. Ich schreibe gerne und habe deswegen zwei geisteswissenschaftliche Fächer auf Lehramt studiert. Schon in der Universität hat es mir Spaß gemacht, Hausarbeiten zu verfassen. Warum kannst es nicht akzeptieren, dass das mein Hobby ist? Übrigens gibt es noch viel mehr Atheisten, Agnostiker oder einfach nur Ex-Christen, die sich intensiv mit der Bibel auseinandersetzen. Ich weiß, es ist für dich sehr schwer, aber versuch dich bitte auf den Gedanken einzulassen, dass es sogar Menschen gibt, die sich sehr gerne mit allen möglichen Büchern und Autoren beschäftigen. Nichtsdestotrotz schreibe ich diesen Blog auch für solche Menschen wie dich. Letztendlich wäre es ja langweilig, wenn niemand meinen Blog lesen würde. Und es ist toll, dass du es tust. Warum? Weil Menschen wie du – und das wird aus deinem Beitrag deutlich – so überzeugt von ihrem Glauben sind, dass sie alles und jeden anzweifeln, aber nur nicht sich selbst oder Jesus. Vielleicht wird dir dieser Blog helfen selbstkritisch auf das “Ich” und den Glauben zu blicken, der dein Leben bestimmt.

      Ferner tust du hier etwas, was für viele Christen sehr typisch ist. Anstatt auf die Argumente einzugehen und sich selbst damit zu beschäftigen bzw. sich selbst zu hinterfragen, spielst du die “psychologische Karte”. Ich kenne das von den Christen, mit denen ich verkehrte und bei der Evangelisation taten wir oft genau das Gleiche. Man hofft, dass man schwache und verwundbare Menschen erreichen kann. Deswegen kann man Kinder, Jugendliche und Menschen, die sich in einer schweren Situation befinden, am besten evangelisieren. Sie sind psychologisch so schwach und offen, dass sie sich geradezu nach einem Märchen sehnen, das sie beruhigen wird und ihnen Hoffnung gibt.

      Leider muss ich dich enttäuschen. Ich fühle mich super ohne Jesus. Ich würde meinen Abfall sogar als eine Art Wiedergeburt und Befreiung beschreiben. Ich hatte große Probleme mein Weltbild zu halten, als ich Christ war. Da passte nichts zusammen und das war wirklich anstrengend und erdrückend. Das Einzige, was mich heute wurmt, ist die Frage, wie dumm ich gewesen bin, dass ich auf so einen Schwachsinn reingefallen bin und mich auf einfältige Fanatiker eingelassen habe.

      Ich muss dir nochmal für deinen Beitrag danken, denn es sind genau solche Beiträge und Christen, die mir immer wieder zeigen, wie gefährlich und engstirnig mein Glaube war.

      Mein Vorschlag für dich: Versuche deine Wut und Angst vor diesem Blog zu überwinden und lasse dich auf diese Sachen hier ein. Denke darüber nach und denke über deinen Glauben nach – kritisch. Stelle dich deinen Ängsten.

      Herzliche Grüße

      Monte Christo (bevor du mir auch noch vorwirfst, dass ich an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leide – ich weiß, dass ich nicht der Graf von Monte Christo bin!)

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