Sterbehilfe

Gestern fand in Berlin der “Marsch für das Leben” statt. Hunderte Christen gingen auf die Straße, um primär gegen Abtreibung zu protestieren. Doch gleich zu Beginn wurde ein weiteres Thema angesprochen, das mit Abtreibungen eigentlich sehr wenig zu tun hat – Sterbehilfe. Gemeint waren ganz bestimmte Arten von Sterbehilfe: Der assistierte Suizid und die aktive Sterbehilfe. Beim assistierten Suizid werden auf Wunsch der Person, die zu sterben wünscht, Mittel – z.B. Medikamente – bereitgestellt, die von der Person selbstständig eingenommen werden. Bei der aktiven Sterbehilfe wird der Tod durch aktive Handlungen an der Person, die sterben möchte, herbeigeführt. Je nach Art der Sterbehilfe ist sie in Deutschland entweder ganz oder teilweise verboten.

Die gängige christliche Meinung, die vor allem unter den Fundamentalisten vorherrscht, ist, dass sowohl der assistierte Suizid als auch die aktive Sterbehilfe eine Sünde seien. Hierbei wird argumentiert, dass Gott der Herrscher über das Leben sei. Nur er habe das Recht unser Leben zu beenden. Wenn Menschen Suizid begehen, indem sie Sterbehilfe in Anspruch nehmen, stellen sie sich über Gott, weil sie frei und unabhängig über ihr Leben entscheiden.

Frei und unabhängig über sein eigenes Leben zu entscheiden – für die meisten Menschen klingt das vernünftig. Doch aus einer christlichen Perspektive ist das ein schwerwiegendes Vergehen gegen Gott. Berufen wird sich dabei auf die Bibel. Diese sei das Wort Gottes und gelte für alle Menschen, denn wir alle seien – ob wir es akzeptieren oder nicht – nur das Produkt Gottes. Dabei wird die Bibel als die ultimative Wahrheit dargestellt, die für alle zu gelten hat. Die Tatsache, dass die Bibel voller Widersprüche und Fehler ist bzw. dass es unmöglich zu beweisen ist, dass es den Gott der Bibel überhaupt gibt und dass die Bibel sein Wort ist, wird leider ausgeblendet.

Eine eigene Meinung ist gut. Jeder Mensch sollte eine eigene Meinung haben und diese äußern dürfen. Problematisch wird es, wenn diese Meinung auf einer komplett subjektiven Glaubensidee beruht, die den Menschen in seiner Freiheit einschränkt, und anderen aufgezwungen wird. Hierin liegt die Gefahr von christlichen Politikern, die “christliche Werte” vertreten und sich als bibeltreu bezeichnen. So steht im Europawahlprogramm 2019 der christlichen Partei “Bündnis C”, dass sie Sterbehilfe mit folgender Begründung ablehnt: “Das Leben und unsere Lebenszeit sind von Gott gegeben.” (S. 17)

Was meint “Bündnis C” damit, dass das Leben und die Lebenszeit von Gott gegeben sind? Ganz einfach: Gott hat uns das Leben gegeben und nur er darf es uns nehmen. Doch, woran erkennen wir, dass Gott uns das Leben gibt oder nimmt? Christen nehmen durchaus lebensverlängernde Maßnahmen an: Sie lassen sich operieren, nehmen Tabletten und unterziehen sich Therapien. Jedoch sind alle diese Dinge das Produkt menschlicher Forschung. Sie wurden uns nicht auf übernatürliche Weise von Gott offenbart. Und doch haben nicht einmal die meisten fundamentalistischen Christen ein Problem damit, wenn sie selbst oder ihre Glaubensgeschwister sich einer Operation und einer anschließenden Behandlung unterziehen, um die Lebenserwartung bei Krebs zu steigern. Gerade bei Krebs müssten Christen mutig ihr Schicksal akzeptieren: Gott kann eine Wunderheilung vollbringen. Tut er es nicht, war es nicht sein Wille.

Ich bin mir dessen bewusst, dass Sterbehilfe ein sehr umstrittenes Thema ist, das in vielerlei Hinsicht sehr problematisch ist. Wem sollte sie erlaubt werden? Wann sollte sie verweigert werden? Wo soll die Grenze gezogen werden? Sollte sie überhaupt erlaubt werden? Wie kann Missbrauch verhindert werden? Bei der Auseinandersetzung mit diesem Sachverhalt sollte das Wohl der Menschen an erster Stelle stehen. Ein Gott, der sich nicht einmal kohärent in seinem eigenen Buch offenbaren kann, eignet sich nicht als Grundlage einer vernünftigen Entscheidung für einen komplexen Sachverhalt, der Auswirkungen auf über 80 Millionen Menschen haben wird.

 

 

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