Gottes Hassliebe

Christen ergötzen sich gerne an der Liebe ihres Gottes. Im Gespräch mit “Ungläubigen” versuchen sie ihrem Gegenüber deutlich zu machen, dass Gott ihn liebt, trotz seines Unglaubens und seiner vielen Sünden, die er gegen Gott begeht. Die Liebe Gottes gegenüber dem Sünder wird durch Bibelstellen untermauert und bekräftigt. So hat Gott die Menschen geliebt, als sie ungläubige Sünder waren (Römer 5,8). Und so gab Gott seinen Sohn für die Sünder hin, damit sie gerettet werden (Johannes 3,16). Ein liebender Gott wäre wunderbar. Und diese wunderbare Botschaft wird an die vielen “verlorenen Seelen” herangetragen.

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Wer meinen Blog regelmäßig liest, dürfte mitbekommen haben, dass der Charakter Gottes sehr unstetig und widersprüchlich ist. Gott liebt die Menschen, aber ermordet sie und fügt ihnen unermessliche Qualen zu. Gott hält die Menschen für sehr wertvoll, aber geht mit ihnen wie mit Gegenständen um, die benutzt und weggeworfen werden. Und das selbe Problem tritt auch bei unserem heutigen Thema auf: Liebt Gott den Sünder, aber hasst die Sünde?

Wie bereits geschrieben, finden sich im Neuen Testament stellen, die ganz eindeutig die Liebe Gottes zum Sünder bezeugen (u.a. Johannes 3,16 und Römer 5,8). Doch wie es leider sehr oft in der Bibel vorkommt, findet sich vor allem im Alten Testament ein ganz anderes Gottesbild. So heißt es im Psalm 5,5: “Denn du bist nicht ein Gott, dem Gesetzlosigkeit gefällt; wer böse ist, darf nicht bei dir wohnen. Die Prahler bestehen nicht vor deinen Augen; du hasst alle Übeltäter. Du vertilgst die Lügner; den Blutgierigen und Falschen verabscheut der HERR.” Der Psalmist offenbart uns einen Gott, der die ungläubigen Sünder hasst und vertilgt. Es ist ein Gott, der dem Gottesbild eines liebevollen Gottes, der die Welt liebt und den Sünder bereits vor dessen Bekehrung geliebt hat, entgegensteht. Falls die Bibel als ein ganzheitliches Wort Gottes angesehen wird, lässt Römer 3,1-17 erahnen, wen Gott hasst: Alle Menschen! Denn laut Römer 3 gibt es keinen gerechten Menschen. Alle sind Sünder und Ungerechte. Schweift man von der Vorstellung ab, dass das Neue und Alte Testament das ganzheitliche Wort Gottes darstellen, kristallisieren sich in Psalm 5 und Römer 3 verschiedene Verständnisse vom Menschensein heraus, die im Judentum und Christentum münden: Während dem Judentum die Idee vom völlig verkommenen Menschentum, das nur durch einen Stellvertretertod eines Gerechten erlöst werden kann, fremd ist, bildet diese Idee den Kern des christlichen Glaubens und manifestiert sich im Kreuztod Jesu (dazu mehr in den folgenden Artikeln).

Während die meisten mir bekannten Christen, christlichen Apologeten, Evangelisten und Missionare bewusst oder unbewusst nur die Liebe Gottes erwähnen, gibt es durchaus einige, die mutig genug sind, auch den Hass Gottes zu verkünden. So z.B. David Platt in diesem Video.  Richtigerweise erkennt er, dass die Aussage, dass Gott alle Menschen liebt, nicht biblisch ist. Doch anstatt nachzudenken und sich zu fragen, wie es denn sein kann, dass Gott Ungläubige gleichzeitig hasst und liebt, tut er leider genau das Gegenteil. Er nimmt diesen Sachverhalt unhinterfragt hin. Während solche Widersprüche in anderen “heiligen Büchern” wie dem Koran penibel hinterfragt werden, wird dieser Widerspruch in der Bibel von Platt widerstandslos akzeptiert. Nichtsdestotrotz muss Platt seinen Zuhörern erklären, wie es denn sein kann, dass Gott den Sünder gleichzeitig liebt und hasst. Seine Erklärung ist ganz einfach: Das Kreuz. Das Kreuz offenbart den Zorn und die Liebe Gottes zum Sünder. Leider bleibt Platt uns mit dieser unzureichenden Antwort vieles schuldig. Wie kann es sein, dass Gott bereit ist, seinen Sohn bzw. sich selbst (in der Dreieinigkeit ist Jesus wie der Vater und der Heilige Geist Gott) für Geschöpfe zu opfern, die er hasst? Inwiefern offenbart sich in dieser Handlung sein Hass? Mehr noch: Die zitierten Stellen aus dem Neuen Testament sprechen deutlich davon, dass Gott alle geliebt hat und sich deswegen für die Sünder geopfert hat. Er tat es aus Liebe und er möchte, dass alle Menschen errettet werden (1. Timotheus 2,4). Nun kann erwidert werden, dass auch das Neue Testament vom Zorn Gottes spricht. So z.B. in Johannes 3,36, wo es heißt, dass der Zorn Gottes auf denen bleibt, die dem Sohn – also Jesus – nicht gehorchen. Bedeutet diese Stelle, dass Gott den Sünder und/oder Ungläubigen hasst? Nein, denn der Unterschied zum Psalm 5 liegt in den Wörtern “Hass” und “Zorn”. Diese sind keine Synonyme und beschreiben verschiedene Gefühle. Zorn ist ein starker Ärger, eine wütende Gefühlsregung bzw. ein Affekt. So definiert der Duden den Zorn als einen heftigen und leidenschaftlichen Unwillen “über etwas, was jemand als Unrecht empfindet oder was seinen Wünschen zuwiderläuft.” Das Gegenteil vom Zorn wäre die Milde oder die Gelassenheit. Das Synonym wäre “Wut”. Hass hingegen wird im Duden als eine “heftige Abneigung; starkes Gefühl der Ablehnung und Feindschaft gegenüber einer Person, Gruppe oder Einrichtung” definiert. Das Gegenteil vom Hass ist die Liebe. Während Zorn von bestimmten Handlungen oder Umständen hervorgerufen wird und einen kurzweiligen Affekt beschreibt, ist Hass ein Gefühl, das sich z.B. gegen eine ganze Person oder Volksgruppe richtet und nicht lediglich gegen bestimmte Handlungen dieser Person bzw. Volksgruppe. Ferner ist Hass kein Affekt, sondern ein langwieriges Gefühl. So beschreibt Judenhass eine starke Abneigung gegen die gesamte Volksgruppe der Juden und reduziert sich nicht auf vereinzelte Handlungen oder Merkmale dieser Ethnie. So kann eine Mutter ihr Kind lieben und gleichzeitig zornig sein, weil das Kind wiedereinmal eine Vase umgeschmissen hat. Hingegen kann sie das Kind nicht zugleich lieben und hassen. Natürlich gibt es den Begriff der “Hassliebe”. Jedoch beschreibt dieser Begriff eine eher Krankhafte Anhänglichkeit bzw. Abhängigkeit an bzw. zu eine/r Person, die sich mal in Zu- bzw. Abneigung äußert. Es ist davon auszugehen, dass Christen die Option der Hassliebe vehement ablehnen würden, weil sie Gott als eine leicht krankhafte bzw. psychisch labile Person entlarven würde. Ferner wissen wir aus der Bibel, dass Gott sich niemals ändert und in seiner Person immer gleich ist (Jakobus 1,17; Jesaja 41,4 und Hebräer 13,8). Und so bleibt es leider dabei, dass der Versuch Platts diesen Widerspruch aufzulösen, unzureichend ist. Der Widerspruch bleibt bestehen: Während der fünfte Psalm bezeugt, dass Gott die Sünder und Ungerechten hasst, wird u.a. im Johannesevangelium und im Römerbrief beteuert, dass Gott die Ungerechten und Sünder liebt.

Widerspricht sich Gott?

Ist es Gott, der sich hier widerspricht? Hat er vielleicht doch psychische Probleme und Stimmungsschwankungen? Nein, es sind die Autoren der Bibel, die allesamt Menschen waren. Sie alle haben in ihrer eigenen Zeit und mit ganz individuellen Eigenheiten gelebt. Als Ergebnis haben wir ganz unterschiedliche Gottesbilder in der Bibel. Und so ist es nicht überraschend, dass der Gott der Bibel widersprüchlich ist, denn dieser ist eine Erfindung und Zusammensetzung der vielen Menschen, die Teile der Bibel verfassten.

Die Menschenfischer

Nichtsdestotrotz muss David Platt für seine klare Verkündigung Respekt ausgesprochen werden. In seiner Unfähigkeit zum kritischen Denken und Hinterfragen hat er trotzdem den Mut gehabt, Gott in seinem ganzen Charakterspekturm darzustellen. Viele Christen, die sich sehr wohl bewusst sind, dass in der Bibel auch vom hassenden Gott die Rede ist, verkündigen trotzdem einen liebenden Gott, der für seine Geschöpfe nur das beste möchte. Und so dürfen wir uns an den Wochenenden immer wieder über Prediger erfreuen, die dir Jesus bzw. Gott als einen dich liebenden Gott verkaufen wollen, indem sie dir mit einem aufgesetztem Lächeln und stilvoll gekleidet verkündigen, dass Gott so sehr die Welt geliebt hat, dass er seinen eingeborenen Sohn für sie hingab. Und dies ist auch verständlich, denn niemand will hören, dass Gott ihn hasst. So würden viel weniger Fische ins Netz gehen. Ferner würde es dazu führen, dass unangenehme Fragen gestellt werden, die den Widerspruch zwischen einem liebenden und gleichzeitig hassenden Gott thematisieren würden. Aus diesem Grund ist es viel einfacher sich Bibelstellen auszuwählen, die Gott in ein logisches Gewand voller Liebe hüllen und den kritischen Rest auszulassen. Und so sollten wir alle – Gläubige und Ungläubige – uns David Platt als ein Negativbeispiel nehmen und uns vor dem Denken und Hinterfragen nicht fürchten: “Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viel falsche Propheten ausgegangen in die Welt” (1. Johannes 4,1)

 

 

 

 

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