Gott, warum?

Ich habe Zuhause eine Sammlung an Flyern und Traktaten, die von Christen auf der Straße verteilt werden. Letztens habe in diesen Traktaten rumgestöbert und bin auf das Traktat “Gott, warum?” von Dietmar Langmann gestoßen. In dieser kleinen Schrift erzählt Langmann von seinem persönlichen Weg zum Glauben: Er ist in einem christlich orientierten Haushalt aufgewachsen. Jedoch fehlte eine “persönliche Beziehung” zu Jesus. Als sein Bruder mit 18 Jahren von einem Auto tödlich erfasst wird, beginnt Langmann sich zu fragen, ob es einen Gott gibt und was nach dem Tod passiert. Nach einer Suchphase kommt er schließlich zum Glauben. Über den Verkehrsunfall, der seinem Bruder das Leben nahm, schreibt er abschließend folgendermaßen: “Der tragische Verkehrsunfall, bei dem mein Bruder ums Leben kam, war der Auslöser für Gottes Wirken in unserer Familie. Ich weiß nicht, warum Gott so etwas Schweres in unserer Familie zugelassen hat. Aber ich weiß wozu!” Es ist mir nicht verständlich, warum Langmann die “Warum”- und “Wozu”-Frage stellt. In diesem Kontext hat die Frage nach dem “Warum” und nach dem “Wozu” die selbe Bedeutung. Warum bzw. wozu hat Gott sowas zugelassen? Langmann gibt die Antwort: “Ich fand zu Jesus Christus und traf eine bewusste Entscheidung für ihn.” Auch sein zweiter Bruder und seine Eltern kamen schließlich zum christlichen Glauben.

Wie viel sind wir Gott wert?

Christen lieben es zu betonen, dass Gott alle Menschen liebt. So hat Gott die Welt so sehr geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn für uns sündige Menschen sterben ließ (Johannes 3,16, 1. Johannes 4, 9-10 und Römer 5,8). Außerdem berufen sich Christen gerne darauf, dass Menschen im Ebenbild Gottes erschaffen wurden und deswegen einen unermesslichen Wert haben (1. Mose 1,27). Und doch offenbart die Glaubensgeschichte von Dietmar Langmann eine tiefe Verachtung Gottes gegenüber dem Menschen.

Langmann hat leider nicht deutlich und konkret geschrieben, wie es mit dem Glauben seines Bruders aussah. War er ein wiedergeborener Christ? Hatte er eine persönliche Beziehung zu Jesus? Wir können nur vermuten. Trotzdem deutet alles darauf hin, dass sein Bruder nicht wiedergeboren war. So schreibt Langmann zu Beginn: “Wir Kinder wurden kirchlich erzogen, doch ein bewusstes Christsein kannten wir nicht.” Was meint Langmann damit? Er möchte dem Leser damit sagen, dass es nicht ausreicht, in die Kirche zu gehen und sich Christ zu nennen. Eine bewusste Entscheidung und Bekehrung zu Jesus ist nötig. Eine Wiedergeburt, wie sie der Bibel in Johannes 3,1-8 beschrieben wird, ist erforderlich. Daraus lässt sich schließen, dass seine gesamte Familie nicht gerettet war, als der Unfall geschah. So bekehrten sie sich allesamt erst nach dem tödlichen Unfall des Bruders. Demnach war auch der Bruder zum Zeitpunkt des Todes ein nicht-wiedergeborener Namenschrist. Dies ist eine sehr wichtige Erkenntnis. So kommt laut Johannes 3,1-8 jeder, der nicht wiedergeboren wird, in die Hölle. In anderen Worten: Jeder, der sich nicht bewusst zu Jesus bekehrt hat, wird in der Hölle schmoren. Aus diesem Grund ist Langmann so froh, dass er nach dem Tod des Bruders eine bewusste Entscheidung für Jesus getroffen hat. Dieses Traktat richtet sich an eine ganze bestimmte Art von Ungläubigen: Den Menschen, die sich Christen nennen, vielleicht in die Kirche gehen, als Kind getauft wurden, aber sich nie bewusst zu Jesus bekehrt haben – den sogenannten “Namenschristen”. Sie nennen sich Christen, aber sind in Wirklichkeit keine. Davon spricht auch das Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Matthäus 25,14-30): Der Knecht, der sein Leben überhaupt nicht nach dem Willen Gottes gelebt hat, wird in die Finsternis bzw. in die Hölle geworfen.  Deswegen betont Langmann zu Beginn, dass er und seine Familie Namenschristen waren und erst nach der bewussten Entscheidung für Gott zu “echten” Christen wurden. Nur diese “echten” Christen kommen – wie in Johannes 3,1-8 – in den Himmel. Und so wird deutlich, was mit seinem toten Bruder nach dessen Tod geschehen ist: Er kam in die Hölle. Ein Ort voller Qualen und Wehklagen (Matthäus 25,14-30 und Lukas 16,19-31).

Nun sollten wir die Geschichte von Langmann Revue passieren lassen: Er und seine Brüder wachsen in einer Familie auf, die christliche Traditionen schätzt und lebt, bei der es aber am echten Glauben fehlt. Sie sind Namenschristen. Damit die Familie zu Gott findet, lässt dieser Gott seinen Bruder sterben. Gottes Plan geht auf: Die Familie bekehrt sich. Der Bruder, der vom Auto überfahren wurde, war dabei lediglich eine Spielfigur, die Gott benutzte, damit die gesamte Familie zu ihm kommt. Eine komplette Respektlosigkeit gegenüber dem menschlichen Leben. Im Volksmund sagt man dazu, dass der Zweck die Mittel heiligt. Eine Aussage, die Bedeutet, dass jedes Mittel recht ist, um seine Ziele zu erreichen. Bei den meisten von uns dürfte so eine Lebenseinstellung Ekel auslösen. Menschen, die nach dieser Maxime leben, gelten als korrupt, böse und rücksichtslos. Doch bei Gott scheinen Christen eine Ausnahme zu machen. So ist es für Langmann völlig in Ordnung, wenn sein geliebter Bruder von Gott  sterben gelassen wird und nun in der Hölle leidet, damit der Rest gerettet wird.

Nun könnten Christen einwenden, dass wir gar nicht wissen, was mit dem Bruder passiert wäre. Vielleicht wäre er sowieso nie zu Gott gekommen oder hätte noch sehr vielmehr Leid angerichtet. Das kann nur Gott wissen, der allwissend sei. Doch bereits am Konjunktiv kann man erkennen, dass dies nur Vermutungen sind. Vielleicht hätte der Bruder doch zu Gott gefunden und wäre gerettet gewesen? Fakt ist, dass Gott – laut Langmann – entschieden hat, das Leben von seinem Bruder zu einem Ende kommen zu lassen. Hierbei war es Gott egal, dass der Bruder 18 Jahre alt war und das gesamte Leben vor sich hatte. Wie ein Werkzeug, das von uns benutzt wird, wurde er von Gott benutzt, weggeworfen und in die Hölle geschmissen. Warum hat das Gott getan? So ein Verhalten widerspricht doch der Idee, dass Gott uns liebt und wir Menschen einen unermesslichen Wert haben, weil wir im Gottes Ebenbild geschaffen wurden. Gott ist doch allmächtig. Er kann sich uns leibhaftig offenbaren, so wie Jesus es bei Thomas getan hat. Er konnte andere Wege finden, die Familie Langmann an sich glauben zu lassen oder sich ihnen zumindest in aller Deutlichkeit zu offenbaren, damit sie eine bewusste Entscheidung für oder gegen ihn treffen können.

Der Gott in der Bibel

Auf die Frage, warum Gott Dietmar Langmanns Bruder einfach opferte, gibt die Bibel, die als das Wort Gottes gehalten wird, eine Antwort: Wir sind für Gott lediglich Gegenstände, die sich nicht beschweren sollen und er darf mit uns umgehen, wie er möchte (Römer 9,19-24). Und was sind wir Menschen nun wert? Gott ist im Alten Testament sehr deutlich: Wir sind für ihn nichts wert und auf der Waagschale noch leichter als Luft (Psalm 62,10). Diese Menschenverachtung spiegelt sich in Gottes Handlungen wider. So möchte Gott, dass ganze Völker ausgerottet werden mitsamt der Alten, Schwachen, Frauen, Kindern und sogar Säuglingen (1. Samuel 15,2-3, Josua 10,40 und Josua 11,19-20). Und was, wenn seine Gegenstände am Sabbat Holz sammeln oder Kritik an ihrem Schöpfer-Gott üben? Dann werden sie eben getötet (4. Mose 15,32-36 und 3. Mose 24,10-23). Schließlich wird sich Gott für seine Bauernfiguren, die es zu spielen gilt, nicht erbarmen. Manchmal scheint es Gott langweilig zu sein und dann schließt er mit seinen Gegenständen ein Geschäft ab: Der Gegenstand muss Gott ein Opfer bringen, damit Gott dem Gegenstand im Krieg zum Sieg verhilft. Doch der Haken an der Sache ist, dass der Gegenstand namens Jeftah erst nach der Schlacht erfahren wird, wer das Opfer ist: Seine eigene Tochter. Und so opfert Jeftah dem Gott der Bibel seine eigene Tochter (Richter 11). Nun lassen sich viel mehr Stellen in der Bibel finden, in denen Gott menschenverachtend ist. Das menschenverachtende Verhalten Gottes gegenüber dem Bruder von Langmann ist durchaus biblisch. Und so nimmt es Dietmar Langmann dankend hin, dass Gott seinen Bruder sterben und in der Hölle schmoren ließ, damit Dietmar Langmann in den Himmel kann.

Was ist mit den “guten” Stellen?

Nun kann die Frage aufkommen, warum wir in der Bibel sowohl menschenverachtende als auch menschenachtende Stellen finden. Diese Frage ist legitim. Jeder von uns hat das Recht auf Fragen und auf Antworten. Vor allem, wenn es um unsere sogenannte “Ewigkeit” und den Sinn des Lebens geht. Diejenigen, die die Bibel für das ganzheitliche Wort Gottes halten, haben bei diesen Widersprüchen ein Problem. So wissen wir aus der Bibel, dass Gott sich niemals ändert und immer der selbe ist (Jakobus 1,17; Jesaja 41,4 und Hebräer 13,8). Hier offenbart sich aber ein willkürliches Verhalten von Gott. Wie kann das sein? An wen erinnert dieses Verhalten? Dieses Verhalten erinnert an menschliches Verhalten. So sind wir Menschen unstetig. Wir wandeln uns, verändern unsere Meinungen und Einstellungen und handeln oft irrational und widersprüchlich. Und so ist auch Gottes Verhalten in der Bibel. Dies sollte nicht verwunderlich sein. Die Bibel wurde von Menschen geschrieben. Die fundamentalistischen bzw. “bibeltreuen” Christen versuchen diesen Umstand glatt zu reden, indem sie sagen, dass diese Menschen von Gott inspiriert waren und Gott sie beim Abfassen der Bibel leitete. Doch in Anbetracht des widersprüchlichen und unstetigen Verhalten bzw. Charakter Gottes, wird offensichtlich, dass die Bibel nicht das Wort Gottes, sondern das Wort der Menschen ist, die an ihr zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Lagen geschrieben haben. Genauso wie wir hatten die Menschen eigene Vorstellungen, Wünsche und Probleme, die sie in diesem Buch verarbeiten. Sie alle haben eine eigene Aussage, die sie dem Leser vermitteln wollen. Gott ist ein Abbild dieser Menschen.

Die Verkäufermentalität

Und so sollte man immer misstrauisch sein, wenn Evangelisten, Apologeten und Missionare wie Dietmar Langmann als erfahrene Verkäufer auftreten und uns mit lockenden Fragen und alles versprechenden Phrasen das Christentum verkaufen wollen: “Wo stehen Sie, liebe Leserin, lieber Leser? Haben Sie bereits Jesus Ihr Leben anvertraut? Ich bin davon überzeugt, dass Sie ein völlig neues Leben bekommen werden, wenn auch Sie diesen Schritt zu Jesus Christus wagen.”

 

Das Traktat zum Nachlesen: https://bruderhand.de/download/Traktate/PDFs/023-0-Gott-warum-L.pdf

Ein Gedanke zu „Gott, warum?“

Schreibe einen Kommentar