Eine Frage des Gewissens?

In der aktuellen Ausgabe der christlichen Studentenzeitschrift “Impulse” (3/19), die von “Campus für Christus” herausgegeben wird, wird sich im Hauptartikel “Eine Frage des Gewissens” mit den Fragen auseinandergesetzt, was das Gewissen sei und was bzw. wer “die moralische Instanz” (S. 7) ist, vor der wir uns verantworten müssen. Die Antwort ist deutlich: Alle Menschen würden sich vor Gott verantworten müssen. Schließlich setzt Gott die Maßstäbe, an die wir uns zu richten haben. Diese Maßstäbe offenbart uns Gott in der Bibel. Und nach diesen biblischen Maßstäben sollten wir uns richten: “Entscheidend für das Urteil ist aber nicht der Hammer, es sind die Maßstäbe, die Gesetze, die Werte und Grundüberzeugungen, nach denen der Richter das Urteil spricht” (S. 9). In anderen Worten: Wir Menschen sollten uns an den Werten der Bibel orientieren und unser Gewissen von den biblischen Moralvorstellungen prüfen lassen. Laut Uwe Heimowski (dem Autor des Artikels) kann dies nur richtig sein. Schließlich ist der Gott der Bibel ein gnädiger Richter (S. 9). Ferner wird dem Menschen in der Bibel eine herausragende Stellung eingeräumt. So wurde er in der “Ebenbildlichkeit Gottes” (S. 10) erschaffen und dies bedeutet, dass der Mensch in Gottes Augen unvorstellbar wertvoll ist. Aus diesem Grund bringt Heimowski den 1. Artikel des Grundgesetzes mit der Bibel in Verbindung: So orientierten sich die Mütter und Väter des Grundgesetzes an der Bibel und wussten, dass der Mensch – laut dieser – im Ebenbild Gottes erschaffen wurde. Deshalb ließen sie bereits im ersten Artikel des Grundgesetzes verlauten, dass die Würde des Menschen unantastbar ist (S. 10). Auch die Ideen von Freiheit, Barmherzigkeit, Menschenwürde und Menschenrechten, die für uns im Westen zu einer guten Gesellschaft gehören, würden auf der Bibel bzw. Gott basieren. Und so kommt Heimowski schließlich auch auf die Nazis zu sprechen: Diese mordeten, weil sie nicht der Bibel bzw. Gott folgten, sondern ihrem Führer und nach diesem richteten sie ihr Gewissen aus (S. 10).

Der Artikel von Heimowski vermittelt ein Gottesbild, das von Gnade, Barmherzigkeit und voller Wertschätzung für die Menschen geprägt ist. Heimowski entwirft ein sehr einseitig positives und widerspruchsloses Gottesbild und gerade aus diesem Grund sollte es geprüft werden. Wird Gott diesem Gottesbild wirklich gerecht und vermittelt die Bibel wirklich die oben genannten Werte? Um diese Fragen zu beantworten nehmen wir die Werte als Maßstab, die Heimowski der Bibel und Gott zuschreibt. Diese wären: Gnade, Barmherzigkeit, Freiheitsliebe und Wertschätzung gegenüber dem Menschen.

 

Gnade und Barmherzigkeit

“Gottes Gnade spricht die Opfer frei – und zugleich überführt sie die korrumpierten Gewissen der Täter: ‘Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein'”(S. 9), schreibt Heimowski. In diesem Zitat sind zwei Sachverhalte, die Heimowski als Beweis dafür anführt, dass Gott gnädig ist. Als Erstes betont er, dass Gott, indem er Jesus (oder laut christlicher Theologie sich selbst) opferte, dem Sünder, der eigentlich die ewige Hölle verdient hat, vergab und begnadigte. Als Zweites hebt Heimowski hervor, dass Jesus die Ehebrecherin, die nach jüdischen Gesetzen (3.Mose 20,10) getötet werden sollte, begnadigt.

Hier offenbart sich das erste Problem: Im Alten Testament verlangt Gott selbst, dass Ehebrecherinnen und Ehebrecher getötet werden sollen:

“Darum haltet meine Satzungen und tut sie; denn ich, der HERR, bin es, der euch heiligt. Wer seinem Vater oder seiner Mutter flucht, der soll unbedingt getötet werden; er hat seinem Vater oder seiner Mutter geflucht — sein Blut sei auf ihm! Wenn ein Mann mit einer Frau Ehebruch treibt, wenn er Ehebruch treibt mit der Frau seines Nächsten, so sollen [beide], der Ehebrecher und die Ehebrecherin, unbedingt getötet werden.” (3. Mose 20,10)

In 4. Mose 15,32-36 ordnet Gott die Hinrichtung eines Mannes an, nur weil dieser am Sabbat Holz sammelte:

“Und als die Kinder Israels in der Wüste waren, fanden sie einen Mann, der am Sabbat Holz sammelte. Da brachten ihn die, welche ihn beim Holzsammeln ertappt hatten, zu Mose und Aaron und vor die ganze Gemeinde. Und sie legten ihn in Gewahrsam; denn es war nicht genau bestimmt, was mit ihm geschehen sollte. Der HERR aber sprach zu Mose: Der Mann muss unbedingt getötet werden; die ganze Gemeinde soll ihn außerhalb des Lagers steinigen! Da führte ihn die ganze Gemeinde vor das Lager hinaus, und sie steinigten ihn, dass er starb, wie der HERR es Mose geboten hatte.”

Auch hier ändert Gott im Neuen Testament plötzlich seine Meinung. So heißt es in Hebräer 4, 1-11, dass diejenigen, die an Jesus glauben, bereits im ewigen Sabbat sind und nicht mehr gezwungen sind, Werke zu vollbringen. Hieraus ergibt sich, dass der eigentliche Sabbat, der immer samstags ist, von Christen nicht mehr eingehalten werden muss. Deswegen heißt es in Kolosser 2, 16-17:

“Niemand soll euch also Vorhaltungen machen wegen dem, was ihr esst oder trinkt oder was ihr an den Festen, am Neumondstag oder am Sabbat tut. Das ist doch alles nur ein Abbild und ein Schatten der Dinge, die Gott angekündigt hatte und die in Christus Wirklichkeit geworden sind.”

Hieraus lässt sich deutlich ableiten, dass niemand mehr verurteilt werden soll, wenn der Sabbat gebrochen wird. Doch im Alten Testament wird gnadenlos an Menschen, die den Sabbat gebrochen haben, die Todesstrafe vollzogen.

Auch gegenüber Frauen und Kindern war Gott alles andere als gnädig und barmherzig. So wird in 1. Samuel 15,2-3 berichtet, dass Gott als Strafe ein ganzes Volk ausrotten möchte mitsamt Frauen und Kindern:

“So spricht der HERR der Heerscharen: Ich will strafen, was Amalek an Israel tat, indem er sich ihm in den Weg stellte, als es aus Ägypten heraufzog. So ziehe nun hin und schlage Amalek, und vollstrecke den Bann an allem, was er hat, und schone ihn nicht; sondern töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel!”

Die armen Amalekiter sind so sehr in Ungnade gefallen, dass sogar ihre Frauen, Kinder und Säuglinge sterben sollen. Warum? Warum müssen Frauen und vor allem Kinder und Säuglinge sterben? Benimmt sich so ein gnädiger und barmherziger Gott? Ironischerweise befolgen die Juden den Befehl Gottes nicht ganz: Sie töten zwar die Menschen, doch lassen sie das Vieh am leben und nehmen es als Beute mit, was Gott sehr erzürnt. Schließlich sollte doch alles Lebendige liquidiert werden (1. Samuel 15, 15-35).

In Josua 11,19-20 lesen wir Folgendes:

“Und es gab keine Stadt, die sich den Söhnen Israels friedlich ergab, ausgenommen die Hewiter, die in Gibeon wohnten; sie nahmen dieselben alle im Kampf ein. Denn es geschah von dem HERRN, dass ihr Herz verstockt wurde, sodass sie mit den Söhnen Israels kämpften, damit an ihnen der Bann vollstreckt würde und ihnen keine Gnade zuteil würde, sondern dass sie vertilgt würden — so wie der HERR es Mose geboten hatte.”

Laut dieser Stelle ist Gott derjenige, der die Herzen der Gegner Israels verstockt und diese bis zum Tod kämpfen lässt, damit sie vernichtet werden. Mehr noch: Es wurden keinesfalls nur Männer bzw. Soldaten bekämpft. Aus Josua 10, 40 erfahren wir, dass Gott Josua befohlen hatte, alle Menschen – unabhängig vom Geschlecht, Gesundheitszustand oder Alter – zu ermorden.

Doch auch im Neuen Testament offenbart sich die Ungnade Gottes. So erfahren wir in der Apostelgeschichte 5 von Ananias und seiner Ehefrau Saphira. Beide sind Christen. Sie verkaufen ihr Grundstück, wollen aber nicht den ganzen Erlös an die Gemeinde Christi spenden. Einen Teil behalten sie für sich und den anderen Teil geben sie den Aposteln. Diese erfahren davon und stellen Ananias zur Rede. Doch plötzlich fällt er tot um: “Als aber Ananias diese Worte hörte, fiel er nieder und verschied. Und es kam große Furcht über alle, die dies hörten.” (Apg. 5,5)

Seiner Frau ergeht es nicht viel besser:

“Und es geschah, dass nach ungefähr drei Stunden auch seine Frau hereinkam, ohne zu wissen, was sich ereignet hatte. Da richtete Petrus das Wort an sie: Sage mir, habt ihr das Gut um so und so viel verkauft? Sie sprach: Ja, um so viel! Petrus aber sprach zu ihr: Warum seid ihr übereingekommen, den Geist des Herrn zu versuchen? Siehe, die Füße derer, die deinen Mann begraben haben, sind vor der Tür, und sie werden auch dich hinaustragen! Da fiel sie sogleich zu seinen Füßen nieder und verschied; und als die jungen Männer hereinkamen, fanden sie sie tot und trugen sie hinaus und begruben sie bei ihrem Mann.” (Apg. 5, 7-10)

Diese Geschichte ist für Christen ein Dilemma, weil nur die Aposteln oder Gott als Mörder des Ehepaares in Frage kommen, denn laut der Bibel war sonst niemand anwesend. Wenn es die Aposteln waren, ist es sehr erschreckend, dass die Gründer der Urgemeinde bereit waren für Reichtum und Geld Menschen zu ermorden. Falls Gott der Mörder war, muss die Frage gestellt werden, warum ein liebender und gnädiger Gott Menschen tötet, die nicht bereit sind, ihren ganzen Besitz zu geben. Hier könnten Christen einwenden, dass das Ehepaar sterben musste, weil es Gott belog. Doch ist es gerechtfertigt, Menschen, die lügen, zu töten? Ich denke, dass die meisten meiner Leser dies verneinen würden. Da das Ehepaar – laut der Apostelgeschichte zumindest – von den Aposteln nicht angerührt wurde und die Aposteln deutlich betonen, dass das Ehepaar Gott bzw. den Heiligen Geist belogen habe, bleibt nur Gott als Mörder übrig. An dieser Stelle muss gefragt werden, warum ein gnädiger Gott das Ehepaar sofort tötet. Ein allmächtiger Gott, der seine Geschöpfe liebt und Gnade walten lässt, hätte andere Wege gefunden, die weniger brutal gewesen wären. Doch so hatte das arme Ehepaar nicht einmal die Möglichkeit Buße zu tun. Aus diesem Grund muss leider festgehalten werden, dass das Ehepaar sterben musste, weil es nicht bereit war, ihren ganzen Besitz an die Urgemeinde abzugeben, was den Eindruck aufkommen lässt, dass die Aposteln oder Gott vielmehr an Reichtum interessiert waren, als am ehrlichen Glauben, Liebe, Gnade und vor allem Barmherzigkeit.

Freiheitsliebe

Doch wie sieht es mit der Freiheitsliebe aus? Heimwoski hält die persönliche Freiheit des Menschen für ein hohes Gut. Schließlich garantiert sie auch, dass er seinen Glauben ausleben darf. Und so ist er der Meinung, dass der 1. Absatz des 4. Artikels des Grundgesetzes, in dem geschrieben steht, dass die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und der Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses unverletzlich sind, seinen Ursprung in der Bibel hat, denn in dieser heißt es, dass der Mensch im Ebenbild Gottes (1. Mose 1, 27) erschaffen wurde (S. 9-10). Doch in 2. Mose 20, 5-6 lesen wir, dass Gott für andere Religionen und Glaubensrichtungen nicht viel übrig hat:

“Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied derer, die mich hassen, der aber Gnade erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. ” Besonders furchterregend ist, dass dieser Gott nachtragend ist und sogar die Kinder, die für die Sünden der Väter nichts können, heimsucht. Doch in Hesekiel 18, 20 ist Gott komischerweise anderer Meinung. Dort heißt es, dass jeder für seine eigenen Sünden verantwortlich ist: “Die Seele, welche sündigt, die soll sterben! Der Sohn soll nicht die Missetat des Vaters mittragen, und der Vater soll nicht die Missetat des Sohnes mittragen. Auf dem Gerechten sei seine Gerechtigkeit, und auf dem Gottlosen sei seine Gottlosigkeit!”

Und mit der Meinungsfreiheit hat Gott leider auch Probleme. So wird in 3. Mose 24,10-23 von einem jungen Mann berichtet, der bei einem Streit im israelitischen Lager über Gott fluchte. Die Israeliten nehmen ihn fest und fragen Gott, was mit dem jungen Mann getan werden soll. Und so heißt es in 3. Mose 24,13-16:

“Und der HERR redete zu Mose und sprach: Führe den Flucher hinaus vor das Lager und lass alle, die es gehört haben, ihre Hand auf sein Haupt stützen, und die ganze Gemeinde soll ihn steinigen. Und rede zu den Kindern Israels und sprich: Wer seinem Gott flucht, der soll seine Sünde tragen; und wer den Namen des HERRN lästert, der soll unbedingt getötet werden! Die ganze Gemeinde soll ihn unbedingt steinigen, sei es ein Fremdling oder ein Einheimischer; wenn er den Namen lästert, so soll er sterben!”

In 2. Mose 20 und in 3. Mose 24 duldet Gott keine Kritik und auch keinen Unglauben. Jeder, der sich über Gott lustig macht, ihn kritisiert oder ihn verachtet muss getötet werden. Ist das ein Gott, der erhaben über seiner Schöpfung steht? Ist das ein Gott, der die Freiheit schätzt und liebt? Ein Gott, der dem Menschen eine Wahl gibt? Nein, hier kommt ein Gott zum Vorschein, der in seinen Wahnsinn jeden tötet, der es wagt, eine andere Meinung zu haben und Gott nicht nicht akzeptiert.

Wertschätzung seiner Schöpfung

Wie bereits erwähnt, beruft sich Heimowski darauf, dass Gott dem Menschen in seinem Ebenbild erschaffen habe. Dies würde dem Menschen eine besondere Wertschätzung entgegenbringen. Ferner steht im Neuen Testament, dass Gott die Welt liebt und den Sünder retten möchte. Nichtsdestotrotz steht das im Widerspruch zu den oben aufgeführten Bibelstellen. Ferner steht auch der Psalm 62 im Widerspruch zu einem Gott, der seine Schöpfung wertschätzt. So bekräftigt der Pslam, dass der Mensch für seinen Schöpfer wertlos sei und zwar so wertlos, dass er – unabhängig davon, ob der Mensch reich oder arm ist – leichter als Luft ist (Ps 62, 10). Das Neue Testament greift diesen Gedanken auf. Dort heißt es in Römer 9, dass der Mensch Gott nicht hinterfragen soll. Schließlich sei der Mensch lediglich ein Gebilde, das von Gott erschaffen wurde und deswegen habe Gott das Recht, mit seinem Gebilde so zu verfahren, wie er es möchte:

“So? Was bildest du dir ein? Du bist ein Mensch und willst anfangen, mit Gott zu streiten? Sagt etwa ein Gefäß zu dem, der es geformt hat: »Warum hast du mich so gemacht, ´wie ich bin`? Hat der Töpfer nicht das Recht, über den Ton zu verfügen und aus ein und derselben Masse zwei verschiedene Gefäße zu machen – eines für einen ehrenvollen Zweck und eines für einen weniger ehrenvollen Zweck?” (Römer 9, 20-21)

Doch was bedeutet Wertschätzung? Wertschätzung bedeutet u.a., dass ich meinen Mitmenschen – unabhängig vom Rang, Reichtum oder der sozialen Stellung – Toleranz entgegenbringe und auf ihre Bedürfnisse, Interessen und Meinungen ernsthaft eingehe. Psalm 62 und Römer 9 vermitteln jedoch, dass die Interessen der Schöpfung von ihrem Gott nicht geachtet und nicht ernst genommen werden.

Gott ändert nie seine Meinung

Diese vielen verschiedenen und sich widersprechenden Gottesbilder und Moralvorstellungen münden in einem weiteren Widerspruch. Um diesen Widerspruch zu verstehen, soll noch einmal auf die Ehebrecherin eingegangen werden. Im Neuen Testament verschont Jesus, der in der christlichen Theologie Gott ist, die Ehebrecherin. Hierin liegt der Widerspruch: Die jüdischen Gesetze, die verlangen, dass die Ehebrecherin getötet wird, stammen paradoxerweise von Gott selbst (3. Mose 20,10). Hingegen wird in der Bibel gleich an mehreren Stellen betont, dass Gott sich nie ändert und immer derselbe ist. So z.B. in Jakobus 1,17: “Von oben kommen nur gute Gaben und nur vollkommene Geschenke; sie kommen vom Schöpfer der Gestirne, der sich nicht ändert und bei dem es keinen Wechsel von Licht zu Finsternis gibt.”

Außerdem finden wir die gleiche Aussage in Jesaja 41,4 und Hebräer 13,8 (wobei im Hebräerbrief sogar Jesus als ewig gleich und unveränderlich betitelt bezeichnet wird). Gott ist also immer der selbe und ändert nie seine Meinung. Auf ihn sei verlass, denn sein Wort sei ewig. Doch die vielen Beispiele, die ich in diesem Artikel erwähnt habe, zeigen, dass Gott nicht immer der selbe ist. Er ändert sich ständig.

Fazit

Ist Gott barmherzig und gnädig? Ist er für uns die ultimative Gewissensinstanz? Aus den oben genannten Beispielen geht deutlich hervor, dass beide Fragen verneint werden müssen. Die meisten meiner Leser würden zustimmen, dass Andersgläubige und Andersdenkende nicht getötet werden sollten. Ferner sollte jeder Mensch die Freiheit haben, selbstständig Entscheidungen zu treffen und Gott abzulehnen, ohne eine Strafe fürchten zu müssen. Schließlich kann niemand zum wahren Glauben gezwungen werden. Und es sollte auch kein Zweifel daran bestehen, dass es falsch ist, ganze Städte und Völker – inklusive der Frauen, Kinder und Säuglinge – komplett auszulöschen.

Welche Moralvorstellung vermittelt nun die Bibel? Diese Frage lässt sich leider nicht eindeutig beantworten, weil die Bibel keine eindeutige Moralvorstellung und auch kein eindeutiges Gottesbild lehrt. Die Moralvorstellungen und Gottesbilder ändern sich – im Widerspruch zu der Verheißung, dass Gott immer der selbe ist – ständig. Auf der einen Seite heißt es, dass Gott die Menschen liebe und dass er ein liebender und Barmherziger Gott sei. Auf der anderen Seite ermordet er Kinder, Frauen, Andersdenkende und gibt zu verstehen, dass der Mensch kein Recht habe, seinen Gott zu hinterfragen. Wie kann man diese beiden Gottesbilder denn nun zusammenbringen? Gar nicht. Diese Gottesbilder und Moralvorstellungen stammen nicht von Gott, sondern von den Menschen, die an der Bibel geschrieben haben. So hat die Bibel viele Autoren gehabt, die unabhängig voneinander und zu verschiedenen Zeiten geschrieben haben und jeder von ihnen lebte in einer eignen Welt bzw. in einem eignen Zeitalter. Jeder von ihnen brachte seine Ideen von einem Gott und von einer Moral in die Bibel ein, die wir heute als ganzes Buch zur Verfügung haben. Aus diesem Grund kann die Bibel nicht ein einheitliches Gottesbild und eine einheitliche Moralvorstellung vermitteln. Vielmehr vermittelt sie viele Gottesbilder, die sich widersprechen. Gläubige, die behaupten, dass die Bibel eine bestimmte Gottesvorstellung vermittele und eine einheitliche Moral habe, berufen sich nur auf ausgewählte Textstellen und lassen hierbei leider ganz viele andere aus. Sie basteln sich ihren Gott und ihre Moral zusammen und aus diesem Grund sollten solche positiven Gottesbilder, die uns viele Kirchenvertreter verkaufen wollen, hinterfragt werden.

 

 

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