Wie geht es mir nach dem Abfall?

“[…] und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.”, soll Jesus laut Johannes 8,32 gesagt haben. Ich stimme ihm zu. Deswegen soll der folgende Artikel ganz im Lichte dieses Statements stehen. Wenn ich mit Christen über meinen Abfall vom Glauben spreche, wird oft deutlich, dass sie mich bemitleiden. Entweder sagen sie offen, dass sie Mitleid haben, weil ich den Glauben verlassen habe oder sie gehen davon aus, dass ich zur Zeit einfach Probleme habe (gesundheitliche Probleme, Stress, Glaubenskrise etc.), die sich auf den Glauben auswirken. Doch wie fühle ich mich wirklich? Es ist nun einige Monate her, dass ich den christlichen Glauben über Bord geworfen habe – Zeit für ein Resümee.

 

Die Sünde

Als Christ war ich davon überzeugt, dass es die Sünde gibt. In mehreren Stellen in der Bibel steht sehr deutlich, dass Christen nicht sündigen sollen. Doch das Dilemma bestand darin, dass man als Mensch trotzdem sündigt. Und kein Christ kann die Sünde abstellen. So versucht man gegen die Sünde anzukämpfen. Doch der Kampf gegen die Sünde ist in Wahrheit ein lebenslanger, ermüdender und qualvoller Kampf gegen sich selbst und die eigene Natur. Die fundamentalistischen Christen, mit denen ich verkehrte, nahmen die Sünde sehr ernst und sprachen davon, dass man sich immer bei Gott entschuldigen sollte, wenn man wiedereinmal der Sünde verfallen war. Das Problem hierbei ist, dass man ständig in der Sünde lebt: Deine Gedanken können sündhaft sein (Matthäus 15,19), deine Gefühle können sündhaft sein (u.a. Matthäus 15,19) und dein Verhalten kann sündhaft sein (z.B. Matthäus 5,28). Sollte ich mich nun andauernd für die Sünde, die ich begangen habe bei Gott entschuldigen? Ich fühlte mich heuchlerisch. Wie kann ich immer wieder zu Gott kommen und mich bei ihm entschuldigen? Vor allem – und das müssen die Christen leider auch zugeben – lieben wir doch die Sünde. Würden wir sie hassen, würde es uns nicht so schwer fallen, uns von ihr zu trennen. Außerdem hatte ich nicht immer ein schlechtes Gewissen, denn ich verstand, dass ich manchmal Sachen tue, denke oder fühle, die – laut der Bibel – falsch sind. Trotzdem konnte ich nicht wirklich nachvollziehen, warum mein Verhalten etc. falsch war. Ich versuchte bei mir Betroffenheit herbeizuführen, doch das klappte nicht, da es meinerseits nicht aufrichtig war. Außerdem merkte ich, dass ich nicht jeden Menschen lieben kann und sogar einige Glaubensgeschwister verachtete, obwohl die Bibel zur Liebe auffordert (u.a. 1. Johannes 4). Dieser Kampf, den ich niemals gewinnen konnte, war für mich sehr ermüdend und erdrückend. War man vielleicht nicht wiedergeboren? Würde sich Jesus nicht irgendwann von einem abwenden? Ist er nicht für mich und meine Sünden gestorben? Warum dann nicht einfach sündigen? Trotzdem steht klar, dass wir nicht mehr sündigen sollen (u.a. in Römer 6; 1. Johannes 3,1-10; Matthäus 16,24). Ich geriet immer weiter in den Strudel der Sünde, bis ich letztendlich gegenüber einigen Sünden abstumpfte. Ich tat sie mit einem schlechten Gewissen und fühlte eine innere Unruhe. Jedoch wusste ich, dass ich nicht anders kann: Die Sünde würde bis zu meinem Tod mit mir einhergehen. Als ich den Glauben aufgab, fühlte ich eine innere Ruhe. Nun, nachdem ich den Glauben aufgegeben habe, muss ich nicht mehr gegen mich selbst ankämpfen. Ich muss mir keine Sorgen machen, ob ich einem Gott gefalle. Die Wahrheit hat mich tatsächlich von der Sünde befreit. Bin ich jetzt ein schlechter Mensch? Tue ich nun schlimme Sachen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben? Ich halte mich für einen Menschen mit Fehlern und Problemen. Ich bin aber kein schlechter Mensch. Ein Gewissen habe ich immer noch und versuche Gutes zu tun und meinen Mitmenschen zu helfen. Gelingt es mir immer? Nein. Doch ich muss mich nicht mehr verrückt machen: Ich kann Gutes tun, weil ich es will und nicht, weil ich einen Standard erfüllen muss.

Die Welt

Die Bibel ist klar und deutlich: Die Welt ist böse und verführerisch (u.a. 1. Johannes 5,19 und Jakobus 4,4). Christen sollten sich von der Welt fernhalten. Doch die Welt umgibt uns. Christen leben in der Welt und viele haben weltliche Freunde, die weltliche Sachen tun. Einige Christen isolieren sich und brechen den Kontakt mit der Welt ab. Bei Werde-Licht hat jemand seine langjährige Verlobte verlassen, weil er eine Ungläubige nicht zur Ehefrau nehmen wollte und andere Christen brechen Kontakte zu ungläubigen Freunden ab (u.a. 2. Korinther 6,14). Ich war ebenfalls in der Welt unter einem ständigen Druck. Dies machte sich besonders bemerkbar, wenn ich meine Freizeit mit Ungläubigen verbrachte. So treffe ich mich mit einem langjährigen Freund, den ich zurecht und ohne zu zögern als meinen engsten Freund bezeichne, jeden Freitag zu einem Filmabend. Wir taten dies schon, bevor ich mich zum Christentum bekehrte. Doch trotz dieser Vertrautheit, begann ich mich als Christ unwohl zu fühlen, weil die Filme, die wir uns ansahen, nicht christlich waren. So sagt die Bibel, dass man aufpassen soll, was man sich ansieht: “‘Das Auge gibt dem Körper Licht. Ist dein Auge gut, dann ist dein ganzer Körper im Licht. Ist dein Auge jedoch schlecht, dann ist dein ganzer Körper im Finstern. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, was für eine Finsternis wird das sein!'” (Matthäus 6,22-23) Ich bekam ein schlechtes Gewissen gegenüber Gott, denn ich wusste, dass ich mir Sachen anschaue, die ich mir nicht anschauen sollte: Dort waren Szenen von Gewalt, Sexualität, Magie etc. Ich konnte schließlich auch die Filmabende immer weniger genießen, obwohl ich die Gemeinschaft mit dem Freund sehr schätzte bzw. schätze und nicht missen wollte bzw. will. Der Abfall vom Glauben war für mich eine unglaubliche Erleichterung diesbezüglich. Ich erinnere mich, wie ich meinem Freund vorschlug auf Netflix den Film “Apostle” zu schauen. Überrascht stimmte er zu. So wusste er, dass dieser Horrorfilm von einer Sekte handelt und offensichtlich auf das Christentum anspielt. Doch die Wahrheit hat mich von der Angst befreit, in der Welt zu leben. Seitdem genieße ich die Zeit mit meinen Freunden und Bekannten noch viel mehr. Ich bin den Menschen viel offener. Schließlich bin ich ein Teil dieser Welt und brauche vor ihr oder vor ausgedachten Gestalten wie dem Teufel keine Angst mehr zu haben.

Die Bibel

In 1. Korinther 14,33 heißt es, dass Gott nicht ein Gott der Unordnung sei. Doch die Bibel ist voller Unordnung: Es gibt viele christliche Sekten und Denominationen, die sich auf die Bibel berufen. Außerdem gibt es viele verschiedene Bibelauslegungen, die alle – wie auch die Sekten und Denominationen – von sich behaupten, dass sie die richtigen, wahren und echten seien. Und nichtsdestotrotz scheinen bei einer näheren Betrachtung die meisten von ihnen alle gleich gut oder schlecht zu sein. Alle berufen sich auf die Bibel und für fast alle gibt es biblische Belege. Ferner gibt es auch immer wieder Passagen, die man persönlich nicht versteht und nicht nachvollziehen kann. Bei einigen Passagen sieht man offensichtliche Widersprüche. Als Christ habe ich versucht, jegliche Zweifel und Kritik auszublenden. Die schlechtesten Erklärungen waren mir gut genug, solange ich eine Erklärung für die vielen Ungereimtheiten finden konnte. Jedoch kamen die Fragen immer wieder auf. Damals hatte ich genaue Positionen bezüglich einiger Themen. Immer wieder verstrickte ich mich in Diskussionen und Streitereien. Meine Auslegung musste die richtige sein. Befeuert durch einige Christen, die behaupten, dass es gewisse Heilswahrheiten gäbe, die nötig sind, um gerettet zu werden, begann ich auf einige Christen herabzusehen, die diese Wahrheiten nicht teilten. Hingegen hatte ich bei Ungläubigen das Problem, dass sie zurecht Passagen ansprachen, die für Gläubige problematisch waren und auf die ich keine ehrliche und gewissenhafte Antwort hatte (obwohl ich immer so tat, als ob diese Passagen für mich in Wirklichkeit kein Problem darstellten). Heutzutage, wo ich weiß, dass die Bibel ein menschliches Werk ist, habe ich keine Probleme mit solchen Passagen. Ich kann offen und frei über sie nachsinnen und eine eigene Meinung haben. Die Wahrheit hat mich von der selbsternannten “ultimativen Wahrheit” befreit, sodass ich in meinen Gedanken frei sein kann, ohne Angst zu haben, dass ich sündige.

Der Dienst für den Herren

In Offenbarung 3,15-16 wird eine ganze Gemeinde von Gott ausgesondert, weil sie ihm viel zu “lauwarm” war: “Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch heiß bist. Ach, dass du kalt oder heiß wärest! Also, weil du lau bist und weder heiß noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.” Als Christ hatte ich sehr wenig Zeit. Ich studierte, arbeitete, musste etliche private Dinge erledigen und habe versucht ein aktives christliches Leben zu führen. Ich besuchte sonntags den Gottesdienst, missionierte samstags, montags hatte ich einen Hauskreis und zwischendurch besuchte ich weitere Veranstaltungen, die den ganzen Tag in Anspruch nahmen. Ich merkte, dass ich diesen Stress nicht lange durchhalten konnte. Gleichzeitig hatte ich Angst, dass ich zu wenig für Jesus tue (Lukas 14,26). Schließlich würde er mich schon leiten, mir kraft geben und mir helfen. Ich hatte Angst, dass ich lauwarm werde. Vor allem wird in fundamentalistischen Kreisen sehr viel Wert auf Evangelisation gelegt. Es wurde gesagt, dass wahre Christen den Drang verspüren von Jesus zu sprechen. Demnach würden echte Christen Jesus predigen. Die Aposteln waren für uns alle große Vorbilder. Und trotzdem brach ich langsam unter dem Druck zusammen. Als ich aufhörte samstags auf die Straße zu gehen, konnte ich erleichtert aufatmen. Und nun – als “Ungläubiger” – kann ich sogar sonntags ausschlafen. Ich habe vielmehr Energie und Zeit für die wirklich wichtigen Dinge und muss nicht mehr meine Familie und Freunde vernachlässigen. Übrigens führte der “Dienst für Jesus” bei einigen Christen zu riesigen Problemen, denn ihre Frauen wurden immer unzufriedener, weil ihre Geliebten immer unterwegs waren. Die Wahrheit hat mich von diesem sogenannten “Dienst” befreit, sodass ich nun Herr über meine Zeit bin. Ich kann mich meiner Arbeit widmen und mich in meiner Freizeit ausruhen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich gegenüber Gott lauwarm geworden sei.

Wie fühle ich mich?

Ich fühle mich gut, denn die Wahrheit macht frei. Ich konnte den Ballast, der mit dem Glauben einherging, abwerfen. Obwohl mein Abfall bereits einige Monate her ist, verspüre ich immer noch ein Glücksgefühl und blicke mit Schrecken auf die Zeit als Gläubiger zurück. Ich kann meine Wochenenden genießen, frei denken und brauche mir bezüglich der Sünde keine Sorgen mehr zu machen. Ich habe es nicht mehr nötig gegen mich selbst anzukämpfen. So möchte ich diesen Post mit einem Ausschnitt aus Goethes Gedicht “Prometheus”, das die wiedererlangte Freiheit und Eigenständigkeit passend widerspiegelt, abschließen:

“Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.”

 

 

Ein Gedanke zu „Wie geht es mir nach dem Abfall?“

  1. Hallo Graf von Monte Cristo,

    ich habe ein bisschen in Deinem Blog herumgestöbert.

    Intensiver habe ich “Wie geht es mir nach dem Abfall?” gelesen.
    Ein sehr persönlicher und darum mutiger Blog-Beitrag.
    Der Druck, unter dem Du gestanden hast und auch die tägliche Überforderung kommen sehr klar heraus.

    Wenn das Christsein ist, würde ich auch nichts davon wissen wollen.

    Ich bin jetzt seit 40 Jahren Christ und erlebe das Leben mit Jesus anders als Du: Mich führt es eher in die Weite, nicht in die Enge. Es macht mich auch kreativ, nicht zwanghaft.

    Falls Du wissen willst, was ich so mache, kannst Du auf meiner Website Näheres erfahren. Wenn Du bei Google “rudolf möckel blog” eingibst, bist Du auch schon da.

    Alles Gute für Dich und Deinen weiteren Weg.

    Vielleicht hören wir bei Gelegenheit mal voneinander.

    Rudolf Möckel

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