Lukas vs. Paulus (Apostelgeschichte 9,1-30 vs. Galater 1,1-21)

Paulus ist ein Vorbild für sehr viele Christen. Zunächst verfolgt dieser hochgebildete Jude eifrig das Christentum. Doch dann bekommt er eine Offenbarung von Jesus persönlich und bekehrt sich. Energisch beginnt er Jesus zu verkündigen. Mutig stellt er sich vielen Gefahren und entgeht nur knapp dem Tod. Unermüdlich evangelisiert er bis zur seiner Verhaftung. So berichtet die sehr wahrscheinlich von Lukas verfasste Apostelgeschichte sehr ausgiebig von Paulus. Dort werden u.a. seine Begegnung mit Jesus und die Geschehnisse danach geschildert. In diesem Post wollen wir uns anschauen, was unmittelbar nach der Bekehrung von Paulus geschah: Was tat er bzw. wohin ging er nachdem sich Jesus ihm offenbart hatte und wen traf er? Neben der Apostelgeschichte geht auch der Galaterbrief auf diese Fragen ein. Interessanterweise unterscheiden sich die beiden Passagen und es lohnt sich beide miteinander zu vergleichen.

Lukas über Paulus

In der Apostelgeschichte wird Paulus zunächst unter dem Namen Saulus vorgestellt. Im sechsten und siebten Kapitel wird Stephanus von den Juden angeklagt und vor den Hohen Rat geführt, wo er eine Rede hält, die die Gemüter so sehr erhitzt, dass die Juden ihn steinigen. Hierbei erfahren wir, dass auch Paulus teilnimmt, indem er auf die Kleidung der Menschen aufpasst (Apg. 7,58), die Stephanus steinigen. Gleich zu Beginn des darauffolgenden achten Kapitels wird betont, dass Paulus mit der Steinigung einverstanden war (Apg. 8,1). Es beginnt eine große Verfolgung der Christen, wodurch fast alle aus Jerusalem “in die Landschaften von Judäa und Samaria zerstreut” (Apg. 8,1) werden. Nach zwei Erzählungen über einen Zauberer namens Simon, der sich den Heiligen Geist erkaufen möchte (Apg. 8,4-25) und einen Kämmerer aus Äthiopien, der von Philippus getauft wird (Apg. 8,26-40), schwenkt die Geschichte wieder auf Paulus, der immer noch Christen verfolgt (Apg. 9). Er zieht nach Damaskus, um dort die Verfolgung der Christen fortzusetzen (Apg. 9,1-2). Auf dem Weg dorthin erscheint ihm Jesus und Paulus verliert sein Augenlicht (Apg. 9,2-6). Seine Begleiter bringen ihn nach Damaskus, wo er Besuch vom Christen Hananias bekommt, der von Gott den Auftrag bekommen hatte, Paulus aufzusuchen. Paulus bekommt seine Sehkraft wieder, wird getauft und beginnt in Damaskus Jesus zu predigen (Apg. 9,7-20). Da die Juden ihn umbringen wollen, verhelfen ihm Christen nachts aus Damaskus zu fliehen (Apg. 9,21-25). In Jerusalem versucht sich Paulus den dortigen Christen anzuschließen. Jedoch haben diese Angst vor Paulus. Schließlich hat er sie verfolgt (Apg. 9,26). Doch Barnabas nimmt Paulus auf und stellt ihn den Aposteln vor (Apg. 9,27). In Jerusalem beginnt er mit Hellenisten (griechischen Juden) zu streiten bzw. zu debattieren. Auch diese entscheiden sich Paulus zu ermorden. Deswegen wird Paulus von den Christen aus Jerusalem nach Cäsarea gebracht und von dort nach Tarsus geschickt (Apg. 9,29-30).

Paulus über sich selbst

Paulus beginnt den Brief an die Galater, indem er feststellt, dass die Galater sich vom Evangelium, das von Paulus gepredigt wurde, abgewendet haben bzw. gerade dabei sind sich abzuwenden und nun einem anderen Evangelium nachfolgen. Er betont, dass die Verkündiger von Evangelien, die sich vom paulinischen Evangelium unterscheiden, verflucht seien und hebt hervor, dass er nicht Menschen gefallen möchte, sondern Gott (Galater 1,6-10). Gleich im Anschluss bekräftigt er, dass er das Evangelium nicht von Menschen bzw. Christen empfangen hatte, sondern von Jesus persönlich: “Ich habe es nämlich weder von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.” (Galater 1,12)  Hierbei verdeutlicht er sogar, dass er – nachdem er vom Evangelium erfahren hatte – nicht mit Menschen über das Evangelium gesprochen hatte und vor allem nicht nach Jerusalem zu den Aposteln zog, um sich mit ihnen über das Evangelium zu beraten. Stattdessen zog er sofort nach Arabien und kehrte danach wieder nach Damaskus zurück:

“Als es aber dem, der mich von meiner Mutter Leibe an ausgewählt und durch seine Gnade berufen hat, gefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich ihn unter den Nationen verkündigte, zog ich nicht Fleisch und Blut zu Rate; ich ging auch nicht nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern ich ging sogleich fort nach Arabien und kehrte wieder nach Damaskus zurück. ” (Galater 1, 15-17)

Anschließend erfahren wir, dass er erst nach drei Jahren nach Jerusalem reiste. Dort traf er aber nicht alle Aposteln, sondern nur Kephas und Jakobus: “Darauf, nach drei Jahren, ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennenzulernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Keinen anderen der Apostel aber sah ich außer Jakobus, den Bruder des Herrn” (Galater 1,18-19)

Abschließend ging er weiter nach Syrien und Zilizien. Auffällig ist, dass Paulus sogar betont, dass er nicht lügt und die reine Wahrheit erzählt: “Was ich euch aber schreibe – siehe, vor Gott! -, ich lüge nicht.” (Galater 1,20)

Hatte Paulus nach seiner Bekehrung Kontakt zu anderen Christen?

Das erste Problem, das auffällt, ist die Frage, wen Paulus nach seiner Bekehrung gesehen hat und mit wem er Kontakt hatte. In der Apostelgeschichte steht deutlich geschrieben, dass Paulus nach seiner Bekehrung den Christen Hananis trifft und anschließend in Damaskus mit anderen Christen verkehrt (Apg. 9,17-19). Nachdem er aus Damaskus nach Jerusalem flieht, versucht er Kontakt zu den Aposteln aufzunehmen. Doch sie trauen ihm nicht, bis Barnabas Paulus hilft und ihn zu den restlichen Aposteln führt (Apg. 9,26-27). Nachdem er die Aposteln kennengelernt hatte, wurde er schließlich auch von den anderen Christen in Jerusalem aufgenommen (Apg. 9,28). Zusammengefasst: Paulus hat in Damaskus direkt nach seiner Bekehrung zuerst Hananias und dann die restlichen Christen getroffen. In Jerusalem traf er zunächst Barnabas, dann die Aposteln und dann die restlichen Christen aus Jerusalem.

Der Galaterbrief ist ebenfalls sehr deutlich. Dort bekräftigt Paulus in Galater 1,16, dass er direkt nach seiner Bekehrung keinen Kontakt zu Christen aufnahm und sich mit ihnen und mit anderen Menschen nicht beriet. Im folgenden Vers – Galater 1,17 – betont er, dass er nach seiner Bekehrung auch die Aposteln nicht traf. Wir erfahren im 18. Vers, dass er erst Jahre nach seiner Bekehrung zum ersten Mal mit den Aposteln in Jerusalem Kontakt aufnahm. Nichtsdestotrotz betont er, dass er nur zwei von ihnen kennen lernte: Petrus und Jakobus (Galater 1,18-19). Anschließend besucht er die christlichen Gemeinden in Syrien und Zilizien. Paulus bekräftigt also, dass er direkt nach seiner Bekehrung zu Christen keinen Kontakt pflegte. Erst nach drei Jahren traf er zwei Aposteln: Petrus und Jakobus.

Der Widerspruch dürfte aufgefallen sein: In der Apostelgeschichte schreibt Lukas, dass Paulus direkt nach seiner Bekehrung mit anderen Christen verkehrte. In Jerusalem traf er zunächst Barnabas, dann alle Aposteln und anschließend auch die restlichen Christen. Im Galaterbrief, der sehr wahrscheinlich von Paulus persönlich geschrieben wurde, betont er ausdrücklich, dass er direkt nach seiner Bekehrung zu anderen Christen keinen Kontakt hatte. Erst nach drei Jahren traf er in Jerusalem auf die ersten Christen und das waren nicht – wie es in der Apostelgeschichte steht –  Barnabas und alle anderen Aposteln, sondern nur Petrus und Jakobus.

Wohin ging Paulus, nachdem Jesus sich ihm offenbart hatte?

Das nächste Problem, das auftritt, wenn die beiden Passagen aus der Apostelgeschichte und dem Galaterbrief miteinander verglichen werden, betrifft die Orte, die Paulus nach seiner Bekehrung besuchte. Dieses Problem lässt sich gut in einer Tabelle darstellen:

ApostelgeschichteGalaterbrief
1. Damaskus (Apg. 9,8)1. Arabien (Galater 1,17)
2. Jerusalem (Apg. 9,26)2. Damaskus (Galater 1,17)
3. Cäsarea (Apg. 9,30)3. Jerusalem (Galater 1,18)
4. Tarsus (Apg. 9,30)4. Syria (Galater 1,21)
5. Zilizien (Galater 1,21)

Der Widerspruch dürfte offensichtlich sein: Vergleicht man die beiden Passagen, schlug Paulus nach seiner Bekehrung zwei völlig verschiedene Reisewege ein. Wichtig ist, dass die Apostelgeschichte und der Galaterbrief deutlich erwähnen, dass Paulus direkt nach der Offenbarung und Bekehrung nach Damaskus bzw. nach Arabien reiste (Apg. 9,8 und Galater 1,16-17). Somit kann ausgeschlossen werden, dass sich beide Berichte ergänzen würden. Der restliche Ablauf unterscheidet sich in den beiden Berichten dementsprechend: In der Apostelgeschichte geht Paulus, nachdem er in Damaskus gewesen ist, nach Jerusalem und von dort aus nach Cäsarea und Tarsus. Im Galaterbrief geht er, nachdem er in Arabien gewesen ist, nach Damaskus und dann erst nach Jerusalem. Anschließend reist er nach Syrien und Zilizien.

Fazit

Lukas und Paulus widersprechen sich sehr deutlich. Auf der einen Seite steht in der Apostelgeschichte, dass Paulus nach seiner Bekehrung direkt mit anderen Christen verkehrte und in Jerusalem alle Aposteln traf. Außerdem ging er – laut Lukas – nach seiner Bekehrung direkt nach Damaskus, von da aus nach Jerusalem und dann nach Cäsarea und Tarsus. Auf der anderen Seite schrieb Paulus, dass er nach seiner Bekehrung nach Arabien ging, dann nach Damaskus und anschließend nach Jerusalem, Syrien und Zilizien. Ferner verkehrte er – laut eigenen Angaben – nach seiner Bekehrung nicht mit anderen Christen, bis er nach drei Jahren in Jerusalem lediglich zwei Apostel (Petrus und Jakobus) traf. Es lässt sich natürlich nicht genau feststellen, wer recht hat. Dafür ist die Beweislage viel zu dürftig. Jedoch lässt sich feststellen, dass beide Autoren Gründe hatten, die Geschichte um Paulus aus dem jeweils eigenen Blickwinkel zu erzählen. So schreibt Bart Ehrman in seinem Buch “Jesus, Interrupted. Revealing the Hidden Contradictions in the Bible (and Why We Don’t Know About Them)”, dass Lukas darstellen wollte, dass die Aposteln alle miteinander im Einklang waren und ihre Meinungen bzw. Ansichten sich nicht widersprachen. Aus diesem Grund verkehrt Paulus direkt nach seiner Bekehrung mit anderen Christen und lernt schließlich in Jerusalem alle Apostel kennen. Paulus hingegen – und das lässt sich aus dem Kontext von Galater 1 ableiten – möchte unbedingt betonen, dass er das Evangelium persönlich von Jesus bekommen hatte (Galater 1,11-12: “Ich tue euch aber kund, Brüder, dass das von mir verkündigte Evangelium nicht von menschlicher Art ist. Ich habe es nämlich weder von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.”) und von Gott auserwählt wurde (Galater 1,15-16: “Als es aber dem, der mich von meiner Mutter Leibe an ausgewählt und durch seine Gnade berufen hat, gefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich ihn unter den Nationen verkündigte”), um das Evangelium zu verkündigen (Bart Ehrman: Jesus, Interrupted, S. 56). Somit wollte Paulus seine Autorität unter den Galatern stärken, da sie dabei waren sich vom paulinischen Evangelium abzuwenden und sich anderen Predigern, die ein anderes Evangelium verkündigten, hingaben (Galater 1,6-7). Dabei betont Paulus sogar explizit, dass er nicht lügt und beruft sich hierbei auf Gott, was nochmal hervorhebt, wie sehr Paulus betonen will, dass er von Gott das Evangelium bekommen hat und auserwählt sei: “Was ich euch aber schreibe – siehe, vor Gott! -, ich lüge nicht.” (Galater 1,20) Obwohl wir nicht mit voller Sicherheit sagen können, wer lügt, können wir aus diesem Widerspruch doch eine ganz wichtige Erkenntnis ziehen: Den biblischen Berichten ist nicht ohne Weiteres zu vertrauen.

5 Gedanken zu „Lukas vs. Paulus (Apostelgeschichte 9,1-30 vs. Galater 1,1-21)“

  1. “Der Widerspruch dürfte aufgefallen sein: In der Apostelgeschichte schreibt Lukas, dass Paulus direkt nach seiner Bekehrung mit anderen Christen verkehrte.”

    Das ist nicht korrekt. In Apg 9,26 steht geschrieben “Als aber Saulus nach Jerusalem kam…” Wann das ist, wird nicht gesagt. Demnach lässt sich Galater sehr wohl als Ergänzung zu Apg verstehen. Wir müssen bei der Apg bedenken, dass hier Jahrzehnte in wenig Text komprimiert sind. Da darf es schon einmal passieren. Das ein Absatz später auch ein paar Jahre später bedeuten kann.

    “Erst nach drei Jahren traf er in Jerusalem auf die ersten Christen und das waren nicht – wie es in der Apostelgeschichte steht – Barnabas und alle anderen Aposteln, sondern nur Petrus und Jakobus.”
    Auch hier hast Du wieder keine exakte Exegese betrieben. In Apostelgeschichte steht nicht, dass er alle anderen Apostel traf. Ja, es steht die Pluralform, aber 2 Apostel sind auch schon Plural!

    Damit fällt Dein Grundargument in sich zusammen. Schauen wir also, was nun mit der Reiseroute des Paulus ist. Arabien und dann wieder Damaskus lässt sich locker einfach in die 3 Jahre “Auszeit” des Paulus einfügen. Danach ist die Reiseroute wieder harmonisch:
    1. Jerusalem
    2. Cäsarea (was in Syrien liegt*)
    3. Tarsus (was in Zilizien liegt)

    * Es gibt einige Staedte mit Namen Cäsarea. Z.B. Cäsarea Maritima und Cäsarea Philippi. Beide habe ich schon besucht. Beide liegen im heutigen Staat Israel. Cäsarea Philippi ist allerdings in den Golanhöhen, welche von Israel besetzt wurden und ursprünglich zu Syrien gehören.

    Fazit: Ich sehe hier nicht, wo ein wirklicher Widerspruch vorhanden ist. Mich wundert es, dass Bart Ehrman dies anführt. Hätte von ihm als Theologe mehr Präzision erwartet. Aber so ist das häufig mit der liberalen oder liberal gewordenen Theologen. Da ist häufig der Wunsch Vater des Gedankens und nicht akademische Exzellenz.

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    • Vielen Dank, dass du dich mit meinem Artikel auseinandergesetzt hast!

      1. Ich glaube, dass du die Passage, die du von mir zitiert hast, missverstehst. Sie bezieht sich nicht auf Jerusalem und Apg. 9,26. Direkt nach seiner Jesusvision geht Paulus nach Damaskus. Dort trifft er Hananis und andere Christen (Apg. 9,17-19). Erst nachdem er aus Damaskus fliehen muss, kommt er nach Jerusalem (Apg. 9,26). Dies ist ein Widerspruch zum Galaterbrief, wo Paulus schreibt, dass er, nachdem er von Jesus berufen worden ist, zunächst keinen Kontakt zu anderen Christen hatte (Galater 1,15-17).

      2. Ich glaube, dass es sehr deutlich ist, dass in der Apostelgeschichte alle Apostel gemeint sind, weil „den Aposteln“ in diesem Fall ein verallgemeinernder Ausdruck ist. Nichtsdestotrotz kann man rechnerisch herleiten, dass deine Vermutung, dass mit „den Aposteln“ nur zwei gemeint sein können, falsch ist: Aus der Apostelgeschichte erfahren wir, dass Barnabas Paulus den anderen Aposteln vorstellt. Wie du schon richtig angemerkt hast, steht „den Aposteln“ im Plural: “Da kam ihm Barnabas zu Hilfe. Er brachte ihn zu den Aposteln und berichtete ihnen, […]” (Apg. 9,27) Hiermit ergibt sich folgende Gleichung „Barnabas + eine unbestimmte Zahl von Aposteln, die höher als 1 sein muss”, weil Barnabas Paulus zu den Aposteln bringt (Plural) und ihnen (also den Aposteln, Plural) Bericht erstattet. Somit muss Paulus in Jerusalem laut der Apostelgeschichte mehr als zwei Aposteln begegnet sein. Nun könnte man vermuten, dass es trotzdem nicht alle gewesen sein müssen. Vielleicht waren ja einige krank oder verreist. Das kann sein. Trotzdem müssen es mindestens drei Aposteln gewesen sein. Somit kann der Widerspruch nicht aufgelöst werden, weil im Galaterbrief geschrieben steht, dass Paulus lediglich zwei Apostel traf (Galater 1,18-19).

      Übrigens: Nicht nur die Anzahl der Apostel stimmt nicht überein. Die Namen sind auch widersprüchlich. In der Apostelgeschichte erfahren wir einen Namen: Barnabas. Im Galaterbrief betont Paulus, dass es nur Kephas und Jakobus waren.

      3. Ich finde, dass die Apostelgeschichte und der Galaterbrief sich in Bezug auf die Reiseroute kaum harmonisieren lassen. Zunächst: Ja, Cäsarea liegt in Syrien und Tarsus in Zilizien und man kann, wenn der Wille dazu da ist, die Orte als deckungsgleich verstehen. Jedoch: Bereits die erste Station unterscheidet sich: Die Apostelgeschichte sagt klar aus, dass Paulus nach der Offenbarung direkt nach Damaskus reiste (Apg. 9,8). Jedoch steht im Galaterbrief deutlich geschrieben, dass Paulus nach seiner Berufung nach Arabien reiste (Galater 1,15-17).
      Der Widerspruch lässt sich also nicht auflösen.

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  2. 1. Ich muss noch mal praezisieren. Apg 9,26 gibt kein Indiz, um welche Zeit es sich handelt. Ich behaupte also zwischen Apg 9,25 und Apg 9,26 koennen Jahre liegen. Das meinte ich damit, dass ein Absatz in der Apg manchmal lange Zeitraeume ueberspringt. In Genesis werden ja auch manchmal mit einem Vers Hunderte Jahre uebersprungen. Das ist nichts ungewoehnliches fuer einen kurzen Bericht, der einen langen Zeitraum abdecken moechte.
    Vielleicht wendest Du nun ein, dass in Apg 9,26 das Woertchen “nun” steht, was ja andeutet, das es kurz nach Damaskus sein muss. Deswegen habe ich nicht die Schlachter oben zitiert, denn das Wort “nun” ist irrefuehrend. Im Griechischen steht “de”, was keinen temporalen Aspekt hat. Deswegen sollte man lieber mit “aber” uebersetzen. Wer also wissen will, was zwischen Apg 9,25 und 26 passiert, muss den Galater-Bericht nehmen. Demnach kann man ihn durchaus als Ergaenzung annehmen. Ich sehe kein Anlass, warum Vers 26 zeitlich direkt an Vers 25 anknuepfen muss oder ueberhaupt sollte. Als Kritiker waerst Du hier in der Beweislast, so etwas nachzuweisen, wenn es sich doch ganz einfach harmonisieren laesst, es sei denn man wollte unbedingt versuchen der Bibel Widersprueche zu unterstellen. Aber dann kann ich jedem historischen Bericht, der einen grossen Zeitraum abdeckt, solche Widersprueche zu anderen Berichten vorwerfen. Ich wuerde mal sagen in dubio pro reo!

    2. Ob “den Aposteln” ein verallgemeinernder Ausdruck ist, muesstest Du auch wieder beweisen, wenn man genauso gut darin einen nicht-verallgemeinernden Ausdruck lesen kann. Wie haette man es denn sonst schreiben sollen? “Zu den 2 Aposteln”? Gut, dann war Lukas hier unpraezise. Aber wie oft sind wir in unseren Sprachgebrauch nicht immer allumfassend? Und im Uebrigen, entscheidend ist hier auch nicht unser deutsches Sprachgefuehl. Wenn dies wirklich eine Verallgemeinerung darstellen soll, dann musst Du es sogar erstmal im Griechischen beweisen, weil wie es sich auf Deutsch anhoert, ist voellig belanglos.
    Aber mal eine andere These: Vielleicht ist es wirklich eine Verallgemeinerung. Aber im Sinne von pars pro toto. Also dass die 2 Apostel als Repraesentanten fuer die gesamte Apostelschar stehen. Wenn ich sage “in 2 Wochen fliege ich zu den Thailaendern rueber”, dann meint es ja auch nicht, dass ich jeden einzelnen Thailaender treffen werden. Aber es kann meinen, dass ich eine thailaendische Familie treffe, die eben pars pro toto fuer ihr ganzes Volk steht.

    Wenn ich Dein weiterfuehrendes Argument richtig verstehe, zaehlst Du Barnabas zu den Aposteln, der dann mit 2 addiert also schonmal 3 ergibt, was groesser als 2 ist. Warum aber Barnabas ein Apostel sein soll, erschliesst sich mir nicht. Immerhin ist er sogar ein griechischer Jude, der bei seinem erstmaligen Auftauchen in der Bibel (Apg 4,36-37) sogar den Aposteln sprachlich gegenueber gestellt wird. Und dann koennte ich jetzt auch eine sprachliche Bemaengelung anfuehren. Waere Barnabas ein Apostel, dann sollte Apg 9,27 lesen “und fuehrte ihn zu den ANDEREN Aposteln”. Dann waere es deutlich. Steht da aber nicht. Also: Barnabas ist kein Apostel. Beweise mir gerne das Gegenteil.

    3. Fuer alles nach Jerusalem musstest Du ja zugeben, dass die Staedte in den Laendern liegen. Und Du gestehst zu, dass wenn der Wille da ist, sie deckungsgleich sind. Das ist der Punkt: Wille. Umgekehrt koennte ich vorwerfen: Wenn man schlechten Willens ist, kann man aus jeder Muecke einen Elefanten machen. Dann koenntest Du mir auch vorwerfen, dass ich oben geschrieben habe, dass ich nach Thailand gehe, wo ich doch an anderer Stelle einmal explizit gesagt habe, dass ich nach Koh Phangan gehe. Ist das jetzt ein Widerspruch? Nein, es ist einfach die Weise, wie Menschen kommunizieren. Mal ist man allgemeiner, mal praeziser. Aber okay, jetzt lass mich mal sehr genau sein: Wenn Paulus nach Caesarea und Tarsus reist, dann muss er ja die Provinzen Syrien und Zilizien durchqueren. Demnach war er tatsaechlich in Syrien und Zilizien. Aber eben auch in Caesarea und Tarsus. Und ich wette, er war auch noch in 20 anderen Orten, um mal eine Pinkelpause einzulegen, die aber von der Bibel verschwiegen werden.
    Was die Orte vor Jerusalem angeht, so gibt es hier nur Widersprueche, wenn Apg 9,26 zeitlich direkt an Vers 25 anknuepft. Aber das musst Du erst einmal stichhaltig belegen (siehe Punkt 1). Denn Verkuerzungen sind keine Widersprueche. Zwischen Vers 26 und 25 liegen 3 Jahre Arabien und ein weiterer Aufenthalt in Damaskus.

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    • 1. Apg. 9, 25-26. Ist völlig irrelevant, weil es bei diesem Punkt darum geht, ob Paulus unmittelbar nach seiner Bekehrung mit Christen verkehrte. Wie ich bereits geschrieben habe, war die erste Station laut der Apostelgeschichte Damaskus und nicht Jerusalem. Hier verweise ich nochmal auf meine vorhergehende Antwort.

      2. Bezüglich Barnabas: Apg. 14,4. Ansonsten: Ja, du kannst sagen “Ich fliege zu den Thailändern”. Hierbei kannst du aber nicht Thailand im Allgemeinen, sondern eine thailändische Familie meinen, bei der du verweilen wirst. Jedoch sollte das aus dem Gesprächskontext hervorgehen. Bei der Apostelgeschichte geht es nun mal aus dem Kontext nicht hervor, dass mit Aposteln nur zwei gemeint sein könnten. Woraus sich schließen lässt, dass die Übersetzer sich bewusst für diesen allgemeinen Ausdruck entschieden haben, weil es eben um “die Aposteln” ging und nicht um zwei ganz bestimmte.
      Ferner muss ich dir gar nichts beweisen und ich werde mich sicherlich nicht von dir in eine Ecke drängen lassen, wo ich etwas beweisen MUSS. Du hast kommentiert und bist hier auf dem Blog auf mich zugekommen. Somit ist es unangebracht, mir zu schreiben, dass ich irgendwas muss. Vor allem hast du die Behauptung aufgestellt, dass man den griechischen Text lesen muss und darauf angespielt, dass es ja dort vielleicht klarer steht. Ich habe mich hier kein einziges Mal auf den griechischen Text bezogen. Also kannst du mir nun zeigen, wie es im griechischen Text steht und warum die Schlachter 2000, Elberfelder, Lutherbibel und Einheitsübersetzung diese Stelle allgemein mit “den Aposteln” übersetzen.

      3. Auch hier ist die Apg. 9,26 nicht relevant. Bei diesem Punkt geht es darum, wohin Paulus ging, nachdem ihm Jesus erschienen ist. Apg. 9,8 sagt klar, dass er direkt danach nach Damaskus ging und Galater 1,15-17 sagt ebenfalls klar, dass er nach Arabien ging. Falls du aussagen willst, dass Apg. 9,26 vor Apg. 9,8 liegt, wird es sehr problematisch, weil dies nicht sein kann, da die Apostelgeschichte sehr deutlich aussagt, dass Paulus direkt nach seiner Bekehrung nach Damaskus gegangen ist. Wie auch immer du es drehen willst – Jerusalem kommt nach Damaskus.

      Auf die Sticheleien á la “Du willst nur Widersprüche sehen” werde ich nicht näher eingehen, weil diese für das Thema irrelevant sind. Ich kann nur sagen, dass Christen – und vor allem Apologeten – sich dabei an die eigene Nase fassen sollten. Ansonsten bin ich nicht an solchen Anschuldigungen interessiert und sehe unsere interessante Konversation als ein Gespräch an, das uns beide weiterbringt, indem wir uns noch einmal mit dieser Passage beschäftigen und nicht, was leider bei euch Christen sehr üblich ist, als einen Kampf, bei dem es darum geht, seinen teuren Glauben um jeden Preis zu verteidigen und den anderen niederzureden.

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  3. Zu 1) Okay, Du sagst also, dass Paulus nach seiner Jesus-Vision laut Apg erst nach Damaskus ging, Galater aber behauptet, dass er erst nach Jerusalem ging. Richtig?
    Nun, Galater sagt aber auch indirekt, dass Paulus erst nach Damaskus ging in Vers 17: “zog auch nicht nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern ging weg nach Arabien und kehrte wieder nach Damaskus zurück.” Man beachte das Woertchen “wieder”. Somit muss nach Galater die Reihenfolge auch ein Damaskus vor Arabien haben, sonst waere er ja nicht “wieder” nach Damaskus gekommen. Ich halte also fest: Galater lehrt: Jesus-Vision -> Damaskus -> Arabien -> Damaskus -> Jerusalem
    Dies entspricht der Apg, die jedoch Arabien und das 2. Damaskus ueberspringt.

    Zu dem Punkt, dass Paulus nicht sogleich mit Fleisch und Blut zurate ging, ist zu sagen, dass Paulus sich ja nicht mit den Leuten in Damaskus beraet, von daher stimmt das ja alles.

    Zu 2)

    Apg 14,4 ist ein guter Punkt. Tatsaechlich wurden sie in Apg 13,4 vom Heiligen Geist ausgesandt. Demnach kann man tatsaechlich sagen, dass Barnabas ein Apostel war. Allerdings moechte ich hier erwaehnen, dass Barnabas dann erst ab Apg 13,4 ein Apostel ist. Also nicht als Paulus ihn in Jerusalem trifft. Das mag jetzt vielleicht paedantisch klingen, ist aber ein wichtiger Punkt. Klar, man koennte rueckwirkend den Barnabas von Anfang an als Apostel betiteln, aber man muss es nicht. Besonders wenn Paulus ja unterstreichen will, dass er sich mit den damaligen Aposteln in Jerusalem unterhalten wollte. Da waere es nur verwirrend, einen anwesenden Barnabas auch als Apostel zu bezeichnen, nur weil er es spaeter in der Zukunft tatsaechlich mal wird. Denn wenn ich sage: Ich war im Jahr 2000 in Rom und hatte eine Audienz beim Papst, um mich mit ihm zu unterhalten und Kardinal Ratzinger hat mich ihm vorgestellt. Dann waere es ja ultra verwirrend, wenn ich stattdessen schreibe: Ich war im Jahr 2000 in Rom und hatte eine Audienz beim Papst, um mich mit ihm zu unterhalten und der Papst hat mich ihm vorgestellt. Ja. Kardinal Ratzinger wurde spaeter Papst. Und ja, in einer Doku ueber die Kindheit von Papst Benedikt wuerde man lapidar vielleicht sagen: “Und hier ging der Papst zur Schule”. Da wuerde man nicht extra sagen: “Und hier ging der zukuenftige Papst zur Schule”. Aber das ist halt wieder alles dem Sprachgebrauch und dem Kontext geschuldet.
    Also kurz: Barnabas war bei Pauli Rom Besuch noch kein Apostel, deswegen zaehlt er nicht mit.

    Du schreibst: “Bei der Apostelgeschichte geht es nun mal aus dem Kontext nicht hervor, dass mit Aposteln nur zwei gemeint sein könnten.” Ja, aber eben auch nicht das Gegenteil. Da nicht weiter spezifiziert wird, waere Dein Argument einfach nur ein ex silencio. Du hattest ja auch zugegeben, dass eventuell ein oder zwei Apostel auch fehlen duerfen. Dann koennte ich hier genauso haertnaeckig sagen: Ja, siehst Du, es waren ja nicht alle Apostel da, deswegen kann es nicht allgemein gemeint sein! Wie Du siehst, ich kann das hier auch von hinten aufziehen. Im Uebrigen war es ja allgemein bekannt, dass die Apostel ueberall zerstreut waren. Von daher sollte den Lesern ja klar gewesen sein, dass hier nicht die Apostel allgemein gemeint sind, sondern eben nur jene, die gerade da waren. Ob es jetzt 2 oder 5 oder 7 sind, koennen wir aus Apg einfach nicht wissen. Nur Gal gibt hier eine genaue Auskunft.

    Mir geht es nicht darum, Dich in eine Ecke zu draengen oder mich als Gast hier auf Deinem Blog unanstaendig zu verhalten. Es ist einfach nur eine Sache der Argumentation, dass Du eben die Beweislast traegst. Du stellst naemlich die steile These auf, dass Du weisst, dass viele Apostel in Jerusalem waren, obwohl das ja gar nicht aus Apg hervorgeht. In der Wissenschaft ist es ja normalerweise so, dass derjenige, der die Steile These aufstellt, auch die Beweislast traegt. Reine Argumentationsebene, nichts Persoenliches 😉

    Was ich mit dem Verweis aufs das Griechische aussagen wollte, ist, dass wenn Du in der deutschen Uebersetzung nach Deinem deutschen Sprachgefuehl den Eindruck hast, dass “den Aposteln” unbedingt als eine Verallgemeinerung zu verstehen ist, dann ist dies in Sachen Bibel-Exegese irrelevant, solange nicht derselbe Eindruck auch dem griechischen Originalleser ueberkommen haben muss. Denn auf der reinen propositionalen Ebene heisst “den Aposteln” erst einmal nur eine Anzahl von Aposteln groesser 1. Und vielleicht wollten die Uebersetzer von Schlachter, Luther usw. auch nur das ausdruecken. Rein propositional, ohne sprachlich-stylistische Implikationen. Wie haetten sie es denn sonst uebersetzen sollen. Haetten sie zur Ergaenzung bspw. die Zahl 2 eingebaut, haetten sie Bibelfaelschung betrieben. Deswegen sage ich (und das ist auch eine Grundregel der Exegese): Sobald es auf sprachliche Feinheiten in der Argumentation ankommt, muss das immer vom Grundtext her argumentiert werden. Ansonsten verpufft die Argumentation ggf. im Nichts. Und die Arbeit kann man sich ja sparen.
    Aber egal, wir muessen uns hier nicht ueber das Griechische unterhalten. Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, dass stilistische Argumente keine Anwendung finden.

    Zu 3) Siehe mein Argument aus 1) bzgl. des Wortes “wieder”.

    Ja, ich bitte um Vergebung, wenn ich unnoetig gestichelt habe. Ich werde diese Diskussion nutzen, um mich darin zu ueben, ganz trocken und sachlich zu sein. Ich bitte Dich aber, bei vermeintlichen Widerspruechen in der Bibel immer auch darauf zu achten, den selben Massstab anzusetzen, den man bei allen anderen menschlichen Kommunikationserzeugnissen auch ansetzt. Denn Linguistik und Exegese ist ja keine Mathematik.

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