Kontaktabbruch: Warum Christen den Kontakt zu Ex-Christen abbrechen

Als ich meinen Glauben aufgab, brachen viele Christen den Kontakt zu mir ab. Es passierte plötzlich. Es wurde nicht viel diskutiert. Die meisten hörten einfach auf, mit mir zu schreiben. Einige antworteten nicht mehr oder taten es nur noch knapp und sporadisch. Dabei waren die Menschen, als ich zum Glauben gekommen bin, alle sehr nett. Sie kümmerten sich um mich, riefen mich an, nannten mich Bruder und wir umarmten uns. Als bei mir Krebs diagnostiziert wurde und ich im Krankenhaus lag, riefen sie mich an und schrieben mir. Doch sobald sie erfahren haben, dass ich den Glauben nicht mehr ausübe, brach der Kontakt plötzlich ab. Was war geschehen? Was waren die Gründe dafür?

Vorab möchte ich deutlich machen, dass ich im Folgenden von “Christen” sprechen werde. Ich bin mir bewusst, dass die folgenden Aussagen nicht auf alle Christen übertragen werden können. So haben auch nicht alle Christen – obwohl es die Minderheit ist – mit mir den Kontakt abgebrochen (siehe “Christliche Nächstenliebe”). Es gibt sehr nette Christen, die offen sind und die bereit sind über alle Themen zu sprechen und diese sollen sich auf keinen Fall angesprochen fühlen. Nichtsdestotrotz werde ich im Folgenden von “Christen” sprechen, um komplizierte, unnötige und verschachtelte Begrifflichkeiten zu meiden.

Es gibt durchaus biblische Gründe, den Kontakt mit Menschen, die sich vom Glauben losgelöst haben, abzubrechen. In 2. Petrus 2, 22-23 werden solche Menschen mit Tieren verglichen, die sich wieder in ihrem alten Dreck rumwälzen: “Denn es wäre ihnen besser, den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt zu haben, als sich, nachdem sie ihn erkannt haben, wieder abzuwenden von dem ihnen überlieferten heiligen Gebot. Es ist ihnen aber nach dem wahren Sprichwort ergangen: Der Hund kehrt wieder um zu seinem eigenen Gespei, und: Die gewaschene Sau zum Wälzen im Kot.” Im Alten Testament heißt es, dass Abgefallene getötet werden sollen und an sie soll nicht mehr gedacht werden: “Wenn aber ein Gerechter von seiner Gerechtigkeit umkehrt und Unrecht tut nach all den Gräueln, die der Gottlose verübt hat – tut er es, sollte er leben? -: An all seine gerechten Taten, die er getan hat, soll nicht gedacht werden. Wegen seiner Untreue, die er begangen, und wegen seiner Sünde, die er getan hat, ihretwegen soll er sterben.” In 2. Korinther 6, 14-18 wird ebenfalls ausdrücklich davor gewarnt, mit Ungläubigen Freundschaften zu schließen. Es wird sogar befohlen, den Kontakt abzubrechen und sie zu meiden: “Geht nicht unter fremdartigem Joch mit Ungläubigen! Denn welche Verbindung haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Oder welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis? Und welche Übereinstimmung Christus mit Belial? Oder welches Teil ein Gläubiger mit einem Ungläubigen? Und welchen Zusammenhang der Tempel Gottes mit Götzenbildern? Denn wir sind der Tempel des lebendigen Gottes; wie Gott gesagt hat: ‘Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.’ Darum geht aus ihrer Mitte hinaus und sondert euch ab!, spricht der Herr. Und rührt Unreines nicht an! Und ich werde euch annehmen und werde euch Vater sein, und ihr werdet mir Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Allmächtige” Auch im Hebräerbrief ist die Rede von einer Strafe, die alle bekommen werden, die es gewagt haben, ihren Glauben aufzugeben: “Denn wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig, sondern ein furchtbares Erwarten des Gerichts und der Eifer eines Feuers, das die Widersacher verzehren wird. Hat jemand das Gesetz Moses verworfen, stirbt er ohne Barmherzigkeit auf zwei oder drei Zeugen hin. Wie viel schlimmere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten und das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, für gemein erachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat? Denn wir kennen den, der gesagt hat: ‘Mein ist die Rache, ich will vergelten’; und wiederum: ‘Der Herr wird sein Volk richten.’ Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!’ (Hebräer 10, 26-31) In 1. Korinther 5, 2-5 ist Folgendes zu lesen: “Überhaupt hört man, dass Unzucht unter euch ist, und zwar eine solche Unzucht, die selbst unter den Nationen nicht stattfindet: dass einer seines Vaters Frau hat. Und ihr seid aufgeblasen und habt nicht etwa Leid getragen, damit der, der diese Tat begangen hat, aus eurer Mitte entfernt würde! Denn ich, zwar dem Leibe nach abwesend, aber im Geist anwesend, habe schon als Anwesender das Urteil gefällt über den, der dieses so verübt hat – wenn ihr und mein Geist mit der Kraft unseres Herrn Jesus versammelt seid -, einen solchen im Namen unseres Herrn Jesus dem Satan zu überliefern zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet werde am Tage des Herrn.” Wer nun annimmt, dass sich die Verbannung ausschließlich auf den Sohn bezieht, der mit seiner Mutter schläft, der irrt sich. So lesen wir ab Vers 11: “Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Unzüchtiger ist oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber; mit einem solchen nicht einmal zu essen. Denn was habe ich zu richten, die draußen sind? Richtet ihr nicht, die drinnen sind? Die aber draußen sind, richtet Gott. Tut den Bösen von euch selbst hinaus!” (1. Korinther 5, 11-13) Hiernach soll jeder aus der Gemeinde verbannt werden, der in “Sünde” lebt. Dies waren nur einige Verse. Tatsächlich gibt es noch mehr Verse, die diesen ähnlich sind und eine “Wir-Sie”-Einstellung vermitteln, mit der Aufforderung den Kontakt abzubrechen.

Liest man sich diese Verse durch, wird einem deutlich, warum viele – vor allem fundamentalistische Christen – sich (wie bereits im Post “Christliche Nächstenliebe” geschildert) von Nicht-Gläubigen abgrenzen. Die Bibel vermittelt ein “Wir-Sie”-Denken und spricht sehr abwertend über Menschen, die in der sogenannten “Sünde” verstrickt sind. Hierzu zählt natürlich und vor allem der Abfall vom Glauben. Dies führt dazu, dass viele Christen nicht nur hochnäsig, sondern auch wütend auf diese Menschen sind. Ich denke, dass es nicht daran liegt, dass die “Abgefallenen” Jesus, der angeblich für sie gestorben ist, wieder verworfen haben. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass es vielmehr an einem Gruppendenken liegt, bei dem die Ex-Christen als Verräter angesehen werden, die ihre früheren Glaubensgeschwister verraten haben und zum Feind – den Nicht-Gläubigen bzw. den Weltlichen – übergelaufen sind. Ein ähnliches Denken kann auch bei Mitgliedern von politischen Parteien entstehen. So werden auch dort frühere Parteimitglieder, die nun die Partei gewechselt haben, manchmal ignoriert. Ungläubige, die sich dem Glauben offen zeigen, werden hingegen mit Liebe überschüttet. Diese sind schließlich die potenziellen Glaubensgeschwister, die man für die eigene Glaubensgemeinschaft gewinnen kann. Auch dieses Verhalten ist sehr gut aus der Politik bekannt: Potenzielle Wähler werden umgarnt. So war bei einem akademischen Besuch im Kanzleramt ein Berater sehr nett zu uns und war bereit, jede provozierende Frage mit einem aufgesetzten Lächeln zu beantworten – schließlich ging es um das Ansehen der Regierung und um potenzielle Stimmen für die Kanzlerin. Hierbei wird jede Kritik am Glauben, der Bibel und/oder Gott als ein böswilliger Angriff verstanden. Diese Christen nehmen diese Kritik persönlich und brechen den Kontakt ab, weil ihr “Herr und Heiland Jesus Christus” nicht angegriffen werden soll bzw. darf. Hierfür kann der Psalm 1,1 als Vorwand genommen werden: “Glücklich der Mann, der nicht folgt dem Rat der Gottlosen, den Weg der Sünder nicht betritt und nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern seine Lust hat am Gesetz des HERRN und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht!”

Ich möchte auf einen weiteren Grund für den Kontaktabbruch eingehen. Für viele Christen ist die Welt ein gefährlicher Ort voller Verführungen. So wie Satan Jesus in der Wüste zu verführen versuchte, versucht er es angeblich bei Christen. Gerade die Abgefallenen sind hierbei besonders gefährlich. Schließlich könnten diese weitere Christen zum Abfall verleiten, denn Menschen, die ihren Glauben bewusst ablegen, haben dafür oft gute Gründe. Diese Gründe könnten für Christen gefährlich werden, denn sie können dazu verleiten, den eigenen Glauben zu hinterfragen. Gerade die fundamentalistischen Christen, die auf der Straße missionieren, sind alles andere als fest und sicher im Glauben. So paradox es klingen mag: Gerade sie haben Angst vor anderen Ideen und Meinungen und sind darauf aus, den Gegenüber in einer kurzen Zeit so viel wie Möglich zu erzählen. Sie sind nicht an einem ehrlichen Gespräch interessiert und wollen schon gar nicht sich mit den Gedanken der Ungläubigen auseinandersetzen. Es geht vielmehr darum, den Ungläubigen mundtot zu reden und ihm schließlich eine Bibel oder ein Traktat mitzugeben. Außerdem sind viele solche fundamentalen Christen nicht informiert genug. Sie wissen oft nur das, was ihnen in den Gemeinden erzählt wird. Hierbei kann es sogar so weit kommen, dass sie vor anderen Christen Angst haben, weil sich ihre Meinung bezüglich einiger nebensächlicher Themen unterscheidet, was auch zu einem Kontaktabbruch führen kann. Ich habe sowas selbst schon erlebt. Erstaunlicherweise glauben gerade diese Christen daran, dass man den Glauben nicht verlieren kann und dass jeder, der vom Glauben abgefallen ist, nie wirklich gläubig war. Doch in Wirklichkeit haben sie Angst und leben in einer ständigen Unsicherheit. Die Idee, dass man den Glauben nicht verlieren kann, kann solche Personen beruhigen und als eine Art Ausrede dienen. So hätten die Ex-Christen ihren Glauben nicht aus guten Gründen verlassen, sondern, weil sie sowieso “Jesus nicht kannten” (was auch immer das heißen mag).

Abschließend möchte ich auf den Begriff “Wahrheit” eingehen. So steht in der Bibel geschrieben, dass Jesus die Wahrheit ist und dass Christen in der Wahrheit wandeln sollen. Doch was ist “Wahrheit”? Klugerweise hat Pilatus Jesus genau diese Frage gestellt. Wandelt man in der Wahrheit, wenn man auf nichts und niemanden hören möchte, den Kopf in den Sand steckt und stumpf rumschreit, dass Jesus die Wahrheit ist? Wandelt man in der Wahrheit, wenn man Menschen verachtet, die eine andere Meinung vertreten? Wandelt man in der Wahrheit, wenn man Angst hat und deswegen sich jeglicher Gegenposition entzieht? Nein, ich denke, dass man dann erst recht nicht in der Wahrheit wandelt. Wahrheit ist ein Prozess, bei dem es in erster Linie darum geht, nach der Wahrheit zu suchen. Die Suche nach der Wahrheit setzt aber voraus, dass man sich auch der Gegenposition stellt, dass man mit Menschen spricht, die eine ganz andere Meinung vertreten. Sie setzt Offenheit voraus – auch gegenüber Menschen, die sich abgewandt haben. Doch gerade Gott bzw. die Bibel versuchen diese Offenheit und Suche nach der Wahrheit zu unterbinden, was auch im Widerspruch zu der Behauptung steht, dass Gott die Liebe ist, denn mit Liebe haben die oben genannten Textstellen und das Verhalten von einigen Christen nichts zu tun.

 

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