Prophetie: Judas, die Hohepriester und der Blutacker (Matthäus 27, 9-10 vs. Jeremia 32,9 und Sacharja 11,13)

Weiter geht’s! Wie aus den vorherigen Posts deutlich geworden ist, beruft sich der Autor vom Matthäus-Evangelium andauernd auf vermeintliche Prophetien aus dem Alten Testament, die die Ereignisse um Jesus prophezeit haben sollen. Auch in diesem Post werden wir uns mit einer weiteren Prophetie aus dem Evangelium beschäftigen. Im Gegensatz zu den vorherigen Prophetien, die wir uns gemeinsam angeschaut haben, ist diese nicht im Anfang des Evangeliums zu finden, sondern am Ende. Und so begeben wir uns ins 27. Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Dort heißt es: “Da wurde erfüllt, was durch den Propheten Jeremia geredet ist, der spricht: ‘Und sie nahmen die dreißig Silberlinge, den Preis des Geschätzten, den man geschätzt hatte seitens der Söhne Israels, und gaben sie für den Acker des Töpfers, wie mir der Herr befohlen hat.'” (Matthäus 27, 9-10)

Schauen wir uns zunächst den Kontext im Matthäus-Evangelium an. Jesus wird im 26. Kapitel gefangen genommen und vor den Hohen Rat geführt. Anschließend wird er zu Pilatus geführt, wo er schließlich von den Ältesten und den Hohepriestern der Juden angeklagt wird (Kapitel 27). Der Autor bricht die Erzählung um Jesus und Pilatus an dieser Stelle auf und lässt uns in einem Einschub erfahren, was mit Judas passiert ist (Matthäus 27, 3-10). Nachdem Jesus im 26. Kapitel durch Judas verraten wird, bereut Judas im 27. Kapitel seinen Verrat an Jesus. Judas kehrt zu den Hohepriestern zurück und gibt ihnen das Geld im Wert von 30 Silberlingen, das er von ihnen bekommen hatte (Matthäus 26,15), um Jesus zu verraten, wieder zurück. Anschließend erhängt er sich. Die Hohepriester kaufen von dem sogenannten “Blutgeld”, das Judas ihnen wieder zurückwarf, den Acker des Töpfers, um dort Fremde zu begraben (Matthäus 27, 6-7). Nach einer kurzen Erwähnung, dass der Acker nun aufgrund des Blutgeldes “Blutacker” genannt wird (Matthäus 27, 8), betont der Autor von Matthäus, dass es sich bei diesen Ereignissen um eine erfüllte Prophezeiung handeln würde: “Da wurde erfüllt, was durch den Propheten Jeremia geredet ist, der spricht: ‘Und sie nahmen die dreißig Silberlinge, den Preis des Geschätzten, den man geschätzt hatte seitens der Söhne Israels, und gaben sie für den Acker des Töpfers, wie mir der Herr befohlen hat.'” (Matthäus 27, 9-10)
Daraufhin schwenkt die Erzählung wieder auf Jesus und Pilatus um.

Wie es bereits aus der Überschrift für diesen Post hervorgeht, gibt es zwei Passagen, auf die sich das Matthäus-Evangelium eventuell bezieht, denn die im Evangelium zitierte Stelle ist in der ganzen Bibel nicht zu finden. Jedoch gibt es zwei Stellen, die gewisse Ähnlichkeiten mit der Matthäus-Passage aufweisen.
Beginnen wir mit Jeremia 32,9: Im Buch Jeremia sagt der gleichnamige Prophet voraus, dass Jerusalem von Babel bzw. seinem Herrscher Nebukadnezar eingenommen und Juda somit zu Fall gebracht wird. Jedoch befiehlt Gott im 32. Kapitel Jeremia von dem Sohn seines Onkels einen Acker zu kaufen. Die Elberfelder-Bibel macht durch einen Verweis im Mathhäus-Evangelium deutlich, dass Jeremia 32,9 eine der Passagen ist, die für diese Prophetie in Frage kommen würden: “Und Hanamel, der Sohn meines Onkels, kam zu mir nach dem Wort des HERRN in den Wachhof und sagte zu mir: Kauf doch meinen Acker, der in Anatot im Land Benjamin liegt! Denn du hast das Erbrecht, und du hast das Lösungsrecht. Kauf ihn dir! Da erkannte ich, dass es das Wort des HERRN war. [Anm.: Ab hier beginnt der neunte Vers] Und ich kaufte von Hanamel, dem Sohn meines Onkels, den Acker, der in Anatot liegt, und wog ihm das Geld dar: siebzehn Schekel Silber.” (Jeremia 32, 8-9) Der Kauf des Ackers soll symbolisieren, dass Gott die Juden nicht verworfen hat: Sie werden wieder in ihrem Land leben (Jeremia 32, 14-15): “So spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Nimm diese Briefe, diesen Kaufbrief, sowohl den versiegelten als auch diesen offenen Brief, und lege sie in ein Tongefäß, damit sie viele Tage erhalten bleiben! Denn so spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Es werden wieder Häuser, Felder und Weinberge in diesem Land gekauft werden.”

Die zweite in Frage kommende Passage befindet sich im Buch Sacharja. In diesem Buch werden die Juden aufgerufen sich zum Herren zu bekennen und von ihrem Unglauben umzukehren. Es wird eine Zeit prophezeit, in der das jüdische Volk errettet wird. Die Heidenvölker werden sich zu Gott bekehren und der Messias wird eintreffen. Im elften Kapitel spricht Gott ein Gerichtswort. Gott übt Gericht über die falschen Hirten bzw. Machthaber aus, die das Volk, das hier als Schafe dargestellt wird, weiden. Symbolisch werden zwei Stäbe zerbrochen, die für die Huld Gottes und die Verbindung stehen. Hiermit symbolisiert Gott, dass er dem Volk Israel nicht mehr wohl gesonnen ist und dass die Bruderschaft zwischen Juda und Israel zerbrochen ist bzw. von Gott zerbrochen wird. Mitten in diesem Gericht ist die angebliche Prophezeiung. Eingeleitet wird sie durch Sacharja 11, 11-12: “So wurde er an jenem Tag ungültig gemacht. Und es erkannten die Schafhändler, die auf mich achteten, dass es des HERRN Wort war. Und ich sagte zu ihnen: Wenn es recht ist in euren Augen, gebt mir meinen Lohn, wenn aber nicht, lasst es bleiben! Und sie wogen meinen Lohn ab: dreißig Silberschekel.” Im anschließenden 13. Vers finden wir schließlich die Passage, die eventuell von Matthäus beansprucht wird: “Da sprach der HERR zu mir: Wirf ihn dem Töpfer hin, den herrlichen Wert, den ich ihnen wert bin! Und ich nahm die dreißig Silberschekel und warf sie in das Haus des HERRN dem Töpfer hin.”

Wie bereits geschrieben, lässt sich die zitierte Passage aus dem Matthäus-Evangelium in keinem anderen Buch der Bibel finden. Die beiden oberen Passagen aus Jeremia und Sacharja greifen jeweils einen Aspekt aus der Episode aus Matthäus auf. In Jeremia wird ein Feld gekauft und in Sacharja werden dem Töpfer 30 Silberstücke hingeworfen. Im besten Fall könnte es sich hierbei um ein sehr “freies” Zitat oder Sinnzitat aus Sacharja handeln. Allerdings haben die Passagen aus Jeremia und Sacharja keinen Bezug zum Matthäus-Evangelium: Der Kontext der beiden Bücher aus dem Alten Testament weist – wie auch in den anderen Prophezeiungen aus Matthäus, die wir uns bisher angeschaut haben – keinen Bezug zum Matthäus-Evangelium auf.

Die Christen haben mehrere Lösungsvorschläge, die nicht sehr überzeugend sind. Im Folgenden kommen die üblichen Argumente der christlichen Position:
So wird argumentiert, dass in Matthäus steht, dass es durch den Propheten geredet wurde. Man möchte dadurch ausdrücken, dass es vielleicht eine Prophezeiung war, die nicht in den Schriften der Bibel stand, sondern mündlich überliefert wurde. Hier ergeben sich mehrere Probleme. In Matthäus steht auch bei anderen vermeintlichen Prophetien – wie z.B. bei denen, die wir bereits analysiert haben (Jungfrauengeburt, Jesus und die Rückkehr aus Ägypten und die toten Kinder aus Bethlehem) -, dass der Prophet geredet habe. Hierbei beziehen sie sich aber auf konkrete Stellen aus dem Alten Testament. Der Autor des Evangeliums konnte also nicht gemeint haben, dass sie lediglich mündlich überliefert wurden. Vor allem bei der Jungfrauengeburt würden die Christen, die argumentieren, dass es sich bei der Episode um Judas und dem Feld um eine mündliche Überlieferung handelt, vehement die Position einnehmen, dass es keine mündliche Überlieferung war, sondern in Jesaja 7,14 prophezeit wurde und sich erfüllt habe. Außerdem ist eine Prophetie, die über Jahrhunderte mündlich überliefert wurde nicht vertrauenswürdig. Jedoch sollten gerade Prophetien vertrauenswürdig und nachvollziehbar sein, weil sie in erster Linie ein Beweis dafür sind, dass die Bibel von Gott abstammen würde. Welchen Wert hat eine Prophetie, die sich nicht mehr überprüfen und nachvollziehen lässt? Keinen.
Ferner wird seitens der christlichen Seite behauptet, dass der Autor vom Matthäus-Evangelium Jeremia und Sacharja miteinander verbindet. Das Problem liegt darin, dass die beiden Stellen aus Jeremia und Sacharja – wie schon geschrieben – nichts mit der Episode aus dem Matthäus-Evangelium zu tun haben. Nehmen wir an, dass in Matthäus die beiden Bücher aus dem Alten Testament tatsächlich miteinander verbunden werden. In diesem Fall tut der Autor des Evangeliums das, was er in seinem Evangelium sehr oft tut: Passagen aus dem Alten Testament aus dem Kontext reißen und verdrehen, um sie in sein eigenes Sujet einfließen zu lassen. In Wahrheit haben die Passagen nichts mit dem Matthäus-Evangelium zu tun. Außerdem kann dieses Argument implizieren, dass der Verfasser des Evangeliums seinen Leser wieder ein Bild aufzeigen möchte und keine echte bzw. konkrete Prophetie. Dieses Argument dürfte uns schon bekannt sein: Im Evangelium steht, dass es sich hierbei um eine erfüllte Prophetie handelt. Auch bei der Jungfrauengeburt wird eine sehr ähnliche Formulierung benutzt und die wird, komischerweise, von den Christen wortwörtlich verstanden. Im Grunde wird wiedermal versucht dem Leser einzureden, dass das Evangelium nicht wortwörtlich verstanden werden sollte und dass der Autor nicht das meinte, was er hingeschrieben hat, wodurch die ganze Autorität des Evangeliums und sogar der Bibel untergraben wird.

Diese Matthäus-Prophetie, ist eine weitere Prophetie, die sich schon wieder als ein Blindgänger entpuppt. So ist das Zitat nicht in der Bibel zu finden. Hierbei könnte es ein sehr “freies” Zitat bzw. ein Sinnzitat aus Sacharja sein. Dennoch haben die Passagen aus Jeremia und Sacharja nichts mit dem Matthäus-Evangelium zu tun. In Jeremia soll der Prophet einen Acker kaufen, um anzudeuten, dass die Juden wieder in ihrem Land leben werden. Das Feld kostet in Jeremia siebzehn Schekel Silber. Letztendlich ist der kauf dieses Feldes ein Zeichen der Hoffnung und ist eindeutig positiv konnotiert. Hingegen ist der Acker in Matthäus ein Symbol für Verrat und Tod, weswegen er “Blutacker” genannt wird.
In Sacharja ist zwar die Rede von einem Töpfer und 30 Silberschekeln, doch passt der Rest überhaupt nicht zum Matthäus-Evangelium: In Sacharja geht es überhaupt nicht um Judas, einen Blutacker und den Verrat am Messias. Letztendlich kann es auch keine bildhafte Darstellung sein. Der Verfasser von Matthäus schreibt, dass es sich um eine erfüllte Prophetie handeln würde. Diese Formulierung wird z.B. auch bei der Jungfrauengeburt benutzt und diese wird von den Christen wortwörtlich genommen. So kann dieses Argument seitens der Christen vielmehr gegen sie selbst verwendet werden, weil im Grunde ausgesagt wird, dass man das Matthäus-Evangelium nicht wortwörtlich verstehen sollte und der Autor nicht das gemeint habe, was er geschrieben hat. Dies untergräbt die Autorität des Evangeliums und der Bibel enorm. Abschließend: Der Autor vom Matthäus-Evangelium behauptet, dass das Zitat aus Jeremia stammen würde, was nicht stimmt. Kann es sein, dass er sich geirrt hat? Ich hoffe es. Schließlich möchte man niemanden vorwerfen müssen, gelogen zu haben. Wäre das Matthäus-Evangelium eine Hausarbeit in der Uni, dann wäre ihr Verfasser alleine wegen dem sehr laschen und voreingenommenen Umgang mit Zitaten mit einer glatten 5,0 durchgefallen.

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